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ERDBEBENGEBIET NORDPAKISTAN: Die Rückkehr ins Nichts
Mindestens 80.000 Menschen starben am 8. Oktober 2005 beim verheerenden Erdbeben in Nordpakistan. Mehr als 350.000 wurden obdachlos. Die Natur nahm diesen Pakistanern, die ohnehin nicht viel hatten, alles, was sie besaßen. In zahlreichen provisorischen Flüchtlingslagern (große Zeltsiedlungen) fanden Sie Zuflucht. Eine zweite Katastrophe, nämlich das Erfrieren dieser Obdachlose durch den bitterkalten Winter im Kaschmir-Gebirge, konnte verhindert werden. Jetzt wird es wärmer im Norden Pakistan und die internationalen Organisationen müssen auf Druck der Regierung ihre Zelte abbauen. Die Erdbebenopfer sind nun auch schutzlos geworden. Seit Anfang April werden sie gezwungen, in ihre Heimatregionen, meist kleine Dörfer, zurückkehren. Doch dort finden sie nur Trümmer, denn der Wiederaufbau stockt: Für die Betroffenen eine Rückkehr ins Nichts.

Ärzte der Welt macht sich Sorgen um diese Menschen. Die Organisation hatte bisher in zwei offiziellen und zehn Zwischenlagern rund um die Hauptstadt Islamabad und in der Nord-West-Grenzprovinz die Betroffenen medizinisch betreut. Ohne vorherige Abstimmung haben die Behörden zum 10. April alle Flüchtlingslager geschlossen. Viele Menschen sind physisch und psychisch nicht in der Lage, einen Neuanfang aus eigenen Kräften zu schultern. Der 35-jährige Muhtar Hussain ist einer von ihnen. Bei dem Erdbeben verlor er seine Tochter und seinen linken Fuß, lebte in den vergangenen Monaten im Lager „H11“ nahe Islamabad. Er will und kann mit seiner Frau und der ihm verbliebenen Tochter nicht nach Muzzafarabad, der Hauptstadt des pakistanischen Teil Kaschmirs, zurückkehren. „Ich weiß nicht, wie wir dort überleben sollen. Wenn man uns nicht hilft, werde ich in die Berge gehen, um zu sterben.“ Eines von vielen dramatischen und verzweifelten Schicksalen einer von den Medien längst vergessenen Region.

Unterkünfte, in denen Ärzte der Welt Pakistanern wie Muhtar Hussain halfen, wurden nun von den pakistanischen Behörden geräumt. Menschen wurden zusammengepfercht, auf Lastwagen verfrachtet und auf Hauptstraßen ausgesetzt. Ärzte der Welt leistet weiterhin medizinische Versorgung in den Rückkehrzonen und appelliert an die pakistanischen Behörden, schnellstmöglich akzeptable Lebensbedingungen in den zerstörten Dörfern herzustellen.

Gewalt gegen Frauen
In Pakistan setzt sich die Organisation nicht nur für direkte Erdbebenopfer ein. Ein frappierender Missstand in der pakistanischen Gesellschaft, der durch die Konzentration auf das Erdbeben noch vertieft wurde, ist die Unterdrückung der Frau. Ausmaße der häusliche Gewalt sind schockierend. Frauen, die ihre Männer verlassen wollen, werden im harmlosesten Fall  besitzlos auf die Straße getrieben, vielen wird das Gesicht mit Säure verätzt. Im schlimmsten Fall werden sie getötet. Ehrenmord nennen die Täter diese Schandtat. Beinahe 1500 Frauen kamen im vergangenen Jahr so zu Tode. Christophe Buffet, französischer Koordinator des Ärzte der Welt-Projekts „Healing the wounds of Domestic Violence“, geht von einer Dunkelziffer aus, die mindestens doppelt so hoch ist.  

Seit 2005 unterstützt Ärzte der Welt Frauenhäuser, die vom  pakistanischen Sozialministeriums und lokalen NGOs betrieben werden. Diese wurden überwiegend in der Provinz Punjab errichtet. Die holländische Ärztin Seriana van den Berg arbeitet in einer dieser Einrichtungen in der Stadt Lahore. In dieser Unterkunft erhalten die geschändeten Frauen medizinische, psychologische und juristische Hilfe. Die 14-jährige Sadaf ist eine der jüngsten Bewohnerin. Sie verweigerte den Sex mit ihrem eigenen Vater und wurde deshalb verstoßen. Ärzte der Welt steht momentan in Verhandlungen, um weitere Frauenhäuser errichten zu können.




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