|
|
Sieben Monate mit Ärzte der Welt in Liberia. |
 Von
Mai bis Dezember 2005 arbeiteten wir als Ärzte für Ärzte
der Welt (Médecins du Monde MDM) in
Liberia in Bong County
im Nordwesten des Landes. Unsere Ankunft fiel in einen politisch
bewegten Zeitraum. Im August 2003 ging nach vierzehn Jahren
Bürgerkrieg der ehemalige
Präsident Charles Taylor ins Exil nach Nigeria. Dadurch wurde
ein
Friedensabkommen möglich. Vertreter der Rebellengruppen sowie
ehemalige liberianische Regierungsvertreter bildeten eine
Übergangsregierung. Eine UN-Friedenstruppe sollte die
Entwaffnung
der Milizen und die Überwachung des Friedens sichern. Unter
dem
Schutz der Blauhelmsoldaten wurden im Oktober und November 2005 die
ersten freien Wahlen durchgeführt. In der Stichwahl setzte
sich
Ellen Johnson-Sirleaf gegen den ehemaligen
„Weltfußballer
des Jahres“ George Weah durch und wurde damit die erste
Präsidentin Afrikas. Nach vielen Jahren des Chaos steht sie
vor
enormen Herausforderungen, die politische, wirtschaftliche und soziale
Ordnung wiederherzustellen.
„Médecins
du Monde“ (MDM) startete im September 2003
das Projekt in Bong County mit dem Ziel, den Menschen kostenfreien
Zugang zur Basisgesundheitsversorgung zu ermöglichen und deren
Qualität zu verbessern. Sukzessive wurden neun
Basisgesundheitsstationen wieder aufgebaut und das zugehörige
Personal rekrutiert. Die Gesundheitseinrichtungen sind aufgrund
schlechter Straßenbedingungen schwer zu erreichen. In der
Regenzeit von Mai bis Oktober waren einige Kliniken gelegentlich gar
nicht mehr zugänglich.
Die
Gesundheitseinrichtungen werden von jeweils zwei Krankenpflegern
oder –schwestern geleitet. Die Mehrheit des Personals besteht
aus
ungelernten Kräften, die ihre Fertigkeiten auf verschiedenen
Schulungen und durch das tägliche Arbeiten erlernt haben. Die
Aufgabe von MDM war die Unterstützung und Ausbildung des
lokalen
medizinischen Personals, die logistische Hilfe und die psychologische
Betreuung von durch den Bürgerkrieg traumatisierten Menschen.
Eine
Besonderheit ist die enge Verzahnung mit den Dorfgemeinschaften.
Entscheidungen werden im Einklang mit den Repräsentanten der
Dorfgemeinschaften getroffen, was die Nachhaltigkeit des Projektes
sichern soll.
Das
Team setzte sich aus internationalen und nationalen Mitarbeitern
zusammen. Zu den internationalen Mitarbeitern gehörten ein
medizinischer Koordinator aus Ruanda, eine Psychologin, eine
Anthropologin, eine Krankenschwester und eine Hebamme sowie ein
Logistiker, eine Administratorin und eine Gesamtkoordinatorin, allesamt
aus Europa. Die in die Projektarbeit involvierten Liberianer und somit
unsere direkten Kollegen waren vorwiegend Krankenpfleger/-schwestern
und Hebammen. Darüber hinaus gab es noch nationale
Administratoren, einen Radiooperator, einen Mechaniker, einen
Logistiker, eine Lagerverwalterin, Köche,
Haushälterinnen und
einen Gärtner sowie diverse Fahrer und Wachmänner.
Unsere
Tage waren lang, anstrengend und erfüllt. Oft verbrachten
wir einen Gutteil im Auto auf den holprigen Straßen
eingezwängt zwischen Patienten, MDM-Personal und Material.
Viele
Patienten saßen zum ersten Mal im Auto und kämpften
schwer
gegen Übelkeit und Erbrechen. Wir transportierten
hauptsächlich unterernährte Kinder, Kinder mit
schwerer
Blutarmut und schwangere Frauen, von denen einige im Auto entbunden
wurden. Auf Überraschungen mussten wir stets gefasst sein. Am
Straßenrand fanden wir einen Mann mit einer riesigen durch
einen
Schlangenbiss bedingten Wunde, in unserer Bettenstation einen
schwerkranken Patienten mit Tetanus. Nach der klinischen
Tätigkeit
bereiteten wir Workshops oder kommende Ausfahrten vor oder diskutierten
auf langen Meetings über ganz unterschiedliche Themen wie z.B.
derzeitige praktische Probleme, die aktuelle Sicherheitslage und die
Strategie für 2006. Manchmal war der Hunger fast verflogen,
wenn
wir uns abends gegen 22 Uhr zum Essen versammelten.
Das
Schönste an dem Aufenthalt in Liberia war sicher die
Zusammenarbeit mit den nationalen Kollegen, den Liberianern, die extrem
motiviert sind und einen ausgezeichneten Humor in der
täglichen
Zusammenarbeit bewiesen haben. Zudem war es sehr spannend in dieser
besonderen Zeit vor den Wahlen dort zu sein. Wenn auch immer wieder die
Sicherheitslage diskutiert wurde und zu einigen Ängsten
geführt hat, war es schön, die Dynamik und die
Hoffnung der
Menschen miterleben zu dürfen. Diesen wundervollen Menschen
wäre es sehr zu wünschen in diesem Land mit
herrlicher Natur,
einer Zukunft mit anhaltendem Frieden entgegen gehen zu
können.
Frieder Pfäfflin
& Nicole Schmidt
P.S.: Was die
beiden Ärzte während ihres
Einsatzes in Liberia
erlebt haben, können Sie auch in einem Vortrag am Donnerstag,
30.März 2006, um 19
Uhr, im Eine Welt Haus München erfahren.
|
|
|