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Kampf gegen AIDS: Was bleibt von der 16. internationalen Konferenz zu AIDS in Toronto |
Von
Dr Réjean Thomas,
Präsident und Gründervater von ÄRZTE DER WELT
Kanada und Dr. Françoise
Sivignon, Verantwortliche der AIDS-Arbeitsgruppe von ÄRZTE DER WELT
Frankreich:
Auf der sechzehnten internationalen
Konferenz zu AIDS in Toronto, der mit dem 25ten Jahrestag des ersten
Auftretens dieser Krankheit zusammenfiel, haben sich 24 000 Menschen
auf die Parole „Schreiten
wir zur Tat“ eingeschworen.
AIDS heute,
das bedeutet weltweit 38,6 Mio. Menschen, die den Virus in
sich tragen. Innerhalb von 25 Jahren hat das Virus 65 Mio. Menschen
infiziert, 25 Mio. sind daran gestorben. Trotz des vielfältigen
Engagements lässt eine wirkungsvolle Antwort auf diese Krise im
Gesundheitswesen auf sich warten. Der Kongress in Toronto
war in erster Linie eine Bestandsaufnahme. In Ländern mit geringem
Einkommen ist zwischen 2001 und 2005 die Zahl der Menschen, die in
retroviraler Behandlung sind, von 240 000 auf 1,3 Mio. gestiegen. Trotz
dieses Anstiegs haben 2006 weniger als 24% der Betroffenen
Zugang zu einer solchen Behandlung.
Die Gründung
eines globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS im Jahr 2001 war
revolutionär: Diese unabhängige Einrichtung stellt heute mit 5,69
Milliarden Dollar mehr als die Hälfte der Fonds, die für den Kampf
gegen AIDS eingerichtet wurden. Aber der Bedarf ist nach wie
vor immens hoch, Berechnungen belaufen sich auf 23 Milliarden pro Jahr,
um bis zum Jahr 2008 den Zugang zu Medikamenten für alle zu
gewährleisten. Also: „Schreiten wir zur Tat“, oder, wenn man
so will „Liefern wir die Ware“.
AIDS führt zu
Verletzlichkeit und Ausschluss der Betroffenen. Aus Gründen der
Effektivität als auch der Gerechtigkeit, kämpft ÄRZTE DER WELT
mit Worten und Taten für eine globale Herangehensweise, die politische,
soziale und kulturelle Faktoren der Krankheit der Epidemie mit
einbezieht. Unsere Aktionen werden in enger Zusammenarbeit mit
lokalen Regierungs- und Gemeindebehörden durchgeführt. Dieser Ansatz
der „dezentralisierten Nähe“ ermöglicht uns, Präventionsmethoden und
Behandlungen an die Lebensweise der mit HIV infizierten Personen
anzupassen; vor allem in Konfliktsituationen, also bei Menschen, die
sich prostituieren oder drogenabhängig sind. Für die
Umsetzung der Programme arbeitet ÄRZTE DER WELT
an der dringend notwendigen Verbesserung der Gesundheitsstrukturen, die
weit von städtischen Zentren entfernt liegen, indem wir die Versorgung
von HIV-positiven Menschen in die primären
Versorgungsstrukturen integrieren. Neben der medizinischen Arbeit ist
für uns der Kampf gegen AIDS untrennbar mit dem Eintreten für die
Menschenrechte und der Absage an alle Formen von Diskriminierung
verbunden.
Wenn die Konferenz von Kanada auch
nicht zu einem essentiellen Ereignis wie der Entwicklung der
Tritherapie zehn Jahre zuvor in Vancouver geführt hat, hat sich doch
die Betrachtung der Seuche verändert: eine nachhaltige, umfangreiche
Antwort wird von allen Seiten gefordert. Zuallererst von den Kranken
selbst, die nicht mehr simple Zielpersonen sein wollen, sondern
vielmehr als Akteure an der Antwort auf die Pandemie beteiligt sein
wollen.
Die Frauen, die die Mehrheit der Infizierten
darstellen, wollen „die Macht, der HIV-Infektion vorzubeugen, in ihre
Hände gelegt wissen.“, wie afrikanische Frauen, die das amerikanische
Präventions-Modell, das zu Abstinenz und Treue aufruft, für untragbar
und „falsch konzipiert, ineffektiv und gefährlich“ halten, fordern. Toronto
bedeutet nach der „nur Kondomphase“ vor allen Dingen Hoffnung auf neue
Präventionsmethoden: Mikrobizide, Zugang zur antiretroviralen Therapie
als Präexpositions-Prophylaxe, männliche Beschneidung, Behandlung von
Herpes. Toronto heißt aber auch global angelegte
Interventionsstrategien, die den Kampf gegen Tuberkulose –die am
häufigsten auftretende Todesursache bei HIV-Infizierten- aber auch
gegen mangelhafte Ernährung mit einschließt. Toronto, deckt
die Gefahren auf, die durch Nicht-Behandlung von Drogenabhängigen (die
von der Gesundheitspolitik in Zentralasien und der ehemaligen UdSSR
Vergessenen) entstehen. Toronto bedeutet aber auch: wie kann
man zusätzliche, sichere und transparente Finanzierungsmethoden finden
als dauerhafte Antwort auf die Pandemie? Um die gestiegenen Kosten für
neue Behandlungsmethoden zu bewältigen, wurden neue Mechanismen
entwickelt, wie der Solidaritätsbeitrag bei Flugzeugtickets oder die
Initiative „Rote Schleife“ von privaten Trägern. Toronto steht
also auch für eine starke Einbindung des privaten Sektors in die
internationale Hilfe. Diese Einbeziehung darf die Rolle der Staaten als
Garanten des Allgemeinwohls, sowie deren Verpflichtung zu einem
abgesicherten, solidarischen Gesundheitssystem für alle, nicht in
Vergessenheit geraten lassen. Die Solidarität aus dem privaten Sektor
kann nur als Erweiterung bereits bestehender Instrumentarien dienen,
und auch nur, wenn sie transparent und gleichberechtigt mit dem
solidarischen Engagement der öffentlichen Hand und der internationalen
Gemeinschaft arbeitet. Die Welt braucht eine langfristige
Antwort auf die Seuche, die breite Unterstützung findet, dringender als
eine Herangehensweise des Krisenmanagements. Die Welt
braucht politische Leitfiguren, aber ebenso die Stimme jedes einzelnen
Bürgers für den Kampf gegen diese Pandemie.
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