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Weltaidstag: Ärzte der Welt fordert HIV-Prävention und Versorgung für Risikogruppen
Ärzte der Welt kämpft für eine bessere Versorgung der Drogenabhängigen im Rahmen der Anti-HIV-Politik. Die vernachlässigte Frage der Risikogruppen mobilisiert zu wenige lokale Akteure und leidet unter mangelnder internationaler Finanzhilfe.

DIE RISIKO-REDUZIERUNG
Weniger als 20% der Drogenabhängigen weltweit werden von den HIV-Präventionskampagnen erreicht. In vielen Ländern liegt der Epidemie-Herd jedoch genau in diesen Randgruppen, die oftmals keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Programme zur Risiko-Reduzierung wurde zum ersten Mal in den achtziger Jahren umgesetzt, um die Verbreitung von HIV bei Drogenabhängigen einzudämmen. Durch den Austausch von Spritzen werden Ansteckungsraten beträchtlich gesenkt (HIV, Hepatitis) und die Einnahme von Überdosen reduziert.
Seit 1989 spielt Médecins du Monde in Frankreich eine zentrale Rolle bei der Risiko-Reduzierung: zunächst über Programme zum Spritzen-Austausch, dann über Methadon-Programme zum Ersatz von opiumhaltigen Drogen, insbesondere für die am schwierigsten erreichbaren Randgruppen unter Drogenabhängigen.

Dank der Erfahrung und Expertise aus Frankreich konnten seit 1995 ähnliche Programme weltweit umgesetzt werden, vor allem in Ost-Europa (Balkan, Russland) und in Asien, wo laut UNAIDS im Jahre 2005 nahezu 8,3 Mio. Menschen, darunter 2,4 Mio. Frauen, HIV-infiziert waren.

ÄRZTE DER WELT LEITET HEUTE 6 PROGRAMME ZUR RISIKO-REDUZIERUNG IN ASIEN

  • in China (Chengdu): das erste Spritzen-Austausch-Zentrum; Streetworker, die die Drogenabhängigen dort aufsuchen, wo sie leben und Drogen konsumieren
  • in Myanmar (Region Kachin und in Yangoon): Risiko-Reduzierungs-Programme mit einer integrierten Drogenersatz-Therapie, die in Gesundheitszentren und traditionellen Druckräumen durchgeführt wird
  • in Vietnam (Hanoi und Hô Chi Minh): eine Tagesklinik in einem Gemeindezentrum; mobile Hilfskräfte für die Obdachlosen, Sexarbeiter und Drogenabhängigen
  • und seit einigen Monaten in Afghanistan

PROGRAMME ZUM SPRITZEN-AUSTAUSCH UND ANLAUFSTELLE IN KABUL

Da Afghanistan inzwischen 92% der weltweiten Opium-Produktion stellt, ist die Zahl der Heroin-Abhängigen diesem Land so hoch wie nie zuvor. Ein immer größerer Anteil der afghanischen Opium-Produktion wird nicht mehr exportiert, sondern im eigenen Land konsumiert.  Laut einer 2005 veröffentlichten, offiziellen Studie von UNODC , nehmen 920 000 Menschen, also 3,8% der Bevölkerung, verschiedene Drogen ein. Die Methode des Heroin-Spritzens verbreitet sich sehr schnell und damit auch die Übertragung von HIV und Hepatitis C - Infektionskrankheiten, die im Land nicht behandelt werden. So waren von 464 Menschen, die im Früherkennungszentrum von Kabul untersucht wurden, 14 Personen mit AIDS und mehr als 100 Personen mit Hepatitis C infiziert.

In Kabul konzentriert sich das Problem des Konsums injizierbarer Drogen. Seit einigen Jahren verzeichnet die Hauptstadt eine massive Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen, die seit dem Sturz des Taliban-Regimes nach Afghanistan zurückgekehrt sind, und die in vielerlei Hinsicht verwundbar sind: persönliche Schicksale, die von kriegs- und konfliktbedingter Gewalt  gekennzeichnet sind; zerstörte Familien; extreme Armut und vieles mehr.
Angesichts der rasanten Zunahme Drogenabhängiger und der Gefahr einer explosionsartigen AIDS-Epidemie hat Ärzte der Welt International, seit nun ca. 25 Jahren in Afghanistan präsent, im September ein Gesundheitszentrum  eingeweiht. Es ist allen Menschen zugänglich, tauscht Spritzen aus,  leistet medizinische und hygienische Grundversorgung sowie AIDS-Beratung und -aufklärung. Langfristig soll ein Heroin-Ersatz-Programm entwickelt werden. Im Zentrum können sich die Drogenabhängigen ausruhen, waschen und sich in Gesprächsgruppen organisieren, um gemeinsam Informationsmaterial für spezielle Randgruppen auszuarbeiten. „Ergänzend zur medizinischen Versorgung und der Ausgabe von Spritzen möchten wir den Drogenabhängigen ihr Selbstwertgefühl und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, zurückgeben,“ sagt Guive Rafatian, Programmkoordinator von Médecins du Monde.

Parallel dazu kümmern sich mobile Einheiten um die Drogensüchtigen auf der Straße, um ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen. Afghanische „Multiplikatoren“, die Ärzte der Welt entsprechend der eigenen Multiplikatoren ausgebildet hat, und die selbst drogenabhängig sind oder es früher waren, betreiben in den Straßen Aufklärung und informieren über Maßnahmen zur Risiko-Reduzierung, die den jeweiligen Drogenkonsum-Methoden angepasst sind.
„Langfristig soll dieses Programm neue praktische Methoden zum Verständnis und zur Versorgung von Drogenabhängigen liefern. Dadurch können wir dann die Palette an Versorgungsmaßnahmen in Afghanistan ausweiten und Kompetenz an unsere lokalen Hilfskräfte übergeben,“ so Olivier Maguet, Missions-Verantwortlicher.

PERSÖNLICHE BERICHTE
Saïd Aziz, 38 Jahre. Er kommt seit 2 Monaten ins Zentrum.
Vor 20 Jahren bin ich in den Iran ausgewandert. Ich war Schneider, und mein Chef gab mir Drogen, damit ich Tag und Nacht arbeiten konnte. Im Iran bin ich drogenabhängig geworden. Nach dem Sturz des Taliban-Regimes bin ich nach Kabul zurückgekehrt. Unterwegs bin ich jedoch völlig ausgeraubt worden. Hier habe ich keine Arbeit, ich bin nicht glücklich. Im Radio haben sie uns gesagt, dass die Situation besser wird. Wenn ich aber gewusst hätte, dass mein Leben in Afghanistan so sein würde, wäre ich nicht zurückgekehrt. Im Iran war ich drogensüchtig, aber meine Familie hat mich nicht verstoßen, weil ich Arbeit hatte und für sie sorgen konnte. Seit ich hier bin habe ich keine feste Arbeit. Da ich drogensüchtig bin musste ich meine Familie verlassen. Seit einem Jahr und 2 Monaten lebe ich mit anderen Süchtigen auf der Straße. Ich möchte nicht zu meiner Schwester, meiner Frau und den 4 Kindern zurückkehren, weil ich mich schäme. Ein Freund hat mir vor kurzem erzählt, dass meine Familie vertrieben wird, da sie seit 7 Monaten keine Miete mehr zahlen kann. Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Manchmal kann ich LKWs mit Zement- und Ziegelstein-Säcken entladen. Das bringt mir ungefähr 150 Afghani am Tag ein, und das 4 Tage pro Woche. Mit diesem Geld oder dem, was ich von Freunden borge, kaufe ich täglich für 100 Afghani Drogen. Da mir nicht viel Geld bleibt, esse ich nur an etwa 20 Tagen im Monat, meistens Brot und Tee. Manchmal bin ich so geschwächt, dass ich nicht arbeiten kann. Außerdem werden wir auf der Strasse von der Polizei gehetzt und erpresst. Sie schützen die Drogenhändler selbst dort, wo wir die Drogen kaufen.

Moslem, 32 Jahre. Er kommt zum ersten Mal ins Zentrum.
Nach seiner Auswanderung in die Türkei und in den Iran wurde er vor 2 Jahren an die Grenze zurückgeführt. Er hatte keine gültigen Papiere mehr.
Ich habe im Iran mit meiner Frau, einer Iranerin, und unseren 2 Kindern gelebt. Sie sind im Iran geblieben. Mit dem Rest meiner Familie, der in London und im Iran lebt, habe ich keinen Kontakt mehr.
Im Iran war ich Schneider und machte Karate. Bei meiner Rückkehr nach Afghanistan wollte ich zusammen mit einem Freund, der auch aus dem Iran zurückkehrte, eine Karate-Schule eröffnen. Er war drogensüchtig, und mit ihm zusammen habe ich dann auch Drogen genommen. Seitdem inhaliere ich Heroin-Dampf. Ich rauche 3mal täglich, und wenn ich meine Dosis nicht bekomme, halte ich es nicht aus - es geht mir dann schlecht, und ich möchte mich umbringen.
Von meinen Freunden leihe ich mir Geld, um mir Drogen kaufen zu können. Ich wollte aufhören und habe mich zum Entzug angemeldet. Aber ich konnte dort nicht jeden Tag erscheinen, weil ich Geld verdienen und arbeiten musste. Dabei möchte ich unbedingt damit aufhören, ich kann mich nicht mehr von meinen Freunden aushalten lassen. Früher war ich respektiert, tugendhaft, und man hat mir vertraut. Seit ich drogensüchtig bin meiden mich meine Freunde. Mein bester Freund will mich nicht einmal mehr sehen. Heute bin ich total verschuldet. Ich möchte meine Schulden zurückzahlen und das Vertrauen meiner Mitmenschen zurückgewinnen.
Ich wohne im Hotel, und manchmal muss ich draußen schlafen. Die Strasse, das ist wie ein schleichender Tod. Alles ist dort schwierig: Geld aufzutreiben, Drogen zu bekommen, Drogen zu nehmen… Man leidet den ganzen Tag. Die Droge zerstört alles. Ich warte darauf, dass mich etwas rettet, dass ich geheilt werde und wieder in ein normales Leben zurückfinden kann. Wenn ich von der Droge loskomme möchte ich, dass meine Familie zu mir nach Afghanistan kommt. Momentan ist daran aber nicht einmal zu denken: in Kabul ist die Situation sehr schwierig. Mangelnde Sicherheit, Arbeitslosigkeit und politische Instabilität machen eine Rückkehr für sie unmöglich. Wenn das nicht besser wird, gehe ich in den Iran zurück.

Sie finden eine Pressemappe mit Informationen zur Arbeit von Ärzte der Welt und zu der Krankheit AIDS mit Beispielen für AIDS-Missionen, die Ärzte der Welt durchführt unter folgendem LINK. Wir bitten Sie, sich mit unseren Helfern vor Ort oder den Ärzten, die weltweit AIDS bekämpfen, in Verbindung zu setzen. Gerne helfen wir Ihnen auch bei der Erstellung einer Reportage über eine der Missionen.
Versorgung als humanitäres Grundrecht zu verwirklichen.




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