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Unsichtbare Welten
Tätigkeitsbericht 2006
Vergessene Krisen
Arte Fernsehspot
Offene Mole und die Frauen in Liberia

Ein Beitrag über Gewalt gegen Frauen…und die Folgen - ein neues Krankheitsbild in Liberia

„Vergewaltigung und andere Formen der sexualisierten Gewalt sind schwere Menschenrechts-Verletzungen, die die physische, psychische und soziale Integrität eines Menschen extrem beeinträchtigen…. Die seelischen und somatischen Folgen sind schwerwiegend und zum Teil mit lebenslangen Beeinträchtigungen verbunden, die sozialen Folgen wie Stigmatisierung und Isolation können für Frauen die existentielle Ausgrenzung bis hin zur Ermordung bedeuten.“
so Monika Hauser (Medica Mondiale) in ihrem Vortrag auf der IPPNW –Tagung 2004: Folter und Humanität

LiberiaNach 14 Jahren Bürgerkrieg in Liberia ist die Bilanz vor allem für Frauen ein Desaster. 
80 % der Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt, viele von ihnen öffentlich, andere mussten zuschauen, wie ihre Töchter oder ihre Mütter geschändet wurden, sie müssen mit der Verachtung und der Scham leben, nachdem ihnen Gewalt angetan wurde.
Das alles in einer Gesellschaft, in der es quasi keine Familie gibt, die keine Opfer zu beklagen hätte. Wen auch immer ich auf meiner Reise im Dezember 2006 in Liberia befragte, die unvorstellbare Gewalt, das Grauen und die Trauer über den erlittenen Verlust konnte ich beim Zuhören mit Händen greifen.

So wunderte ich mich wenig, als mir auf meiner Reise Déborah Chauwin Koordinatorin des psychologisch/psychiatrischen Teams in Gbarnga erzählte, dass die Frauen in Liberia ein ansonsten in afrikanischen Ländern unbekanntes Krankheitsbild beschreiben: die „offene Mole“. Die Liberianerinnen sagen, das ist eine typische Erkrankung in ihrem Land, von der fast nur Frauen betroffen werden (geschätzte 90%).

Was ist also eine „offene Mole“. Die Frauen erzählen, es ist symbolisch wie die Öffnung der Schädeldecke, vergleichbar mit der offenen Fontanelle bei Neugeborenen. Durch diese Öffnung entweicht ihre Seele.
Das Krankheitsbild wird geprägt durch Kopfschmerzen, Herzrasen, Schmerzen im ganzen Körper und Schwäche. Die Patientinnen finden keinen Schlaf. Sie werden beherrscht von Traurigkeit, Angstneurosen und der Angst zu sterben.
Die Erfahrung eines furchtbaren Gewaltaktes verbindet alle Erkrankten: der gewaltsame Tod des Kindes, der Eltern, des Ehemannes, Vergewaltigungen vor den Augen der Angehörigen begangen ….

„Offene Mole“ beginnt mit einer Angstattacke und einer nervösen Krise in fast allen Fällen. Delirante Zustände können bei Psychosen hinzukommen. Danach verharren die Patientinnen in einem Zustand der Angst, die nervöse Krise könnte sich wiederholen.

Sollte „offene Mole“ also eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine Angstneurose auf afrikanisch sein?
Wir können das Krankheitsbild mit mehreren psychiatrische Diagnosen versehen: posttraumatisches Stress-Syndrom, Angst, Depression, manchmal auch Psychose. Aber darum geht es gar nicht. Es ist ein Stück erlebte Wirklichkeit aus einer anderen Welt. Von den betroffenen Frauen wird es tagtäglich erfahren.

„Offene Mole“ hat soziale Konsequenzen im Leben einer liberianischen Frau. Die Frauen sind stigmatisiert, sie sind Spötteleien ausgesetzt, sie werden sozial isoliert und werden ausgegrenzt.

In Liberia wird diese Erkrankung nicht ernstgenommen und dem zu Folge so gut wie nicht behandelt.
Ärzte der Welt will die Erkrankung aus der Verschwiegenheit ans Tageslicht holen und zeigt, dass die Erkrankung behandelt werden kann. Ein psychologisch/psychiatrisches Team vor Ort hört den Frauen zu, nimmt sie ernst und behandelt ihre Symptome.
Auch wenn es keine „Wunderpille“ für „offene Mole“ gibt, so fühlen sich die Frauen ernst und angenommen, ihr Vertrauen wächst und die Symptomatik lässt nach.

Dr. Lecia Feszczak

Übrigens, mit finanzieller Unterstützung des Auswärtige Amtes engagiert sich Ärzte der Welt für den Wiederaufbau von 10 Gesundheitsstationen in der Bong Provinz in Liberia.

 





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