Openmed - Medizinische Hilfen - anonym und kostenfrei.
Unsichtbare Welten
Tätigkeitsbericht 2006
Vergessene Krisen
Arte Fernsehspot
Das Liberiaprojekt geht weiter - Erfahrungen einer Projektreise
Liberia

Dr. Nicole Schmidt hat von Juni bis Dezember 2005 als Ärztin in Liberia für Ärzte der Welt gearbeitet. Sie hat den Wiederaufbau von 10 Gesundheitsstationen im Bong County im Nordosten Liberias mit vorangetrieben. Im Dezember 2006 ist sie zusammen mit Dr. Lecia Feszczak für Ärzte der Welt noch einmal nach Liberia zurückgekehrt und schildert ihre Eindrücke:

Die Reise nach Liberia bedeutete für mich eine Rückkehr an einen Ort, an dem ich sieben Monate gelebt habe als Ärztin für ein Projekt von Ärzte der Welt. 2005 war ein aufregendes Jahr für mich und besonders für Liberia. Es war nur zwei Jahre nachdem Charles Taylor das Land verlassen hatte, es keinen Krieg mehr gab, die UN das Land mehr oder weniger unter Kontrolle hatte und die ersten freien Wahlen stattfinden sollten. Die Wahlen waren für alle ein Unsicherheitsfaktor, keiner war sich sicher, ob auch alles friedlich vonstatten gehen würde (in einem Land, in dem es zu viele Kindersoldaten und zu viel Gewalt gegeben hat).  Die liberianischen Mitarbeiter von Ärzte der Welt waren vor den Wahlen unruhig und angespannt. Sie machten sich Sorgen um ihre Familien. Die Erinnerungen an die Kriegsjahre, die Trennung von den Angehörigen und die Flucht sitzen noch tief in den Menschen. Zum Glück ist alles friedlich verlaufen.

Ellen Johnson Sirleaf wurde als erste Frau in Afrika zur Präsidentin gewählt. Die Anspannung fiel von den Menschen ab und es war ein Privileg für mich diese Aufbruchs­stimmung miterleben zu dürfen. Die Menschen, mit denen wir täglich zu tun hatten, wollten weiterkommen, lernen, ihre Ausbildungen fortsetzen. Sie wollten in Frieden leben und sie genossen es, abends endlich wieder ohne allzu große Angst auszugehen.
Als ich nun im Dezember 2006 nach Liberia zurückkehrte, war ich sehr gespannt auf die Veränderungen, die ich vorfinden würde. Ich fragte mich, wie das Projekt in Bong County weitergegangen ist und wie es den Mitarbeitern von Ärzte der Welt ergangen ist. Werde ich viele bekannte Gesichter wiedersehen?
Ankunft in Monrovia, Ärzte der Welt hat ein neues Haus bezogen. Einen Tag später sind wir auf dem Weg ins Projekt nach Gbarnga. Vor uns der Konvoi der Präsidentin, die immer wieder stoppt, um zu winken und kurze Ansprachen zu halten. Dann endlich nach mehreren Stunden Schneckentempo Ankunft in Gbarnga. Direkt vor dem Haus von Ärzte der Welt kreuzt der Präsidentenkonvoi unseren Weg, die Präsidentin winkt aus dem offenen Wagen und die Menschen jubeln ihr zu.

Im Projekt sind die meisten Mitarbeiter noch da und ich freue mich darüber. Besonders diejenigen, die eine gute medizinische Ausbildung haben, sind geblieben. Ich bewerte das als einen großen Erfolg in einem Land, in dem ausgebildete Fachkräfte Mangelware sind. Es ist ein Zeichen der Kontinuität für Ärzte der Welt und für das Land.
Die liberianischen Supervisoren Abraham Tayror, Rufus Domah und James Gwee begrüssen mich herzlich. Alle drei sind ausgebildete Krankenpfleger und haben sehr gute medizinische Kenntnisse. Außerdem kennen sie die Situation des Gesund­heitssystems in Liberia.

In Gbarnga besuchen wir in den folgenden Tagen 4 Gesundheitsstationen. Die Aktivitäten laufen hier auf Hochtouren. Patienten werden untersucht und behandelt. Wir sehen viel Schwangere, die auf eine Vorsorgeuntersuchung warten. Auch Geburten werden hier durchgeführt. 
Die meisten Geburten auf dem Land werden zu Hause und in Anwesenheit einer traditionellen Geburtshelferin durchgeführt. Nur eine Minderheit der Landfrauen in Liberia entbinden in den Gesundheitseinrichtungen. Aber gerade hier hat die traditionelle Hebamme eine besondere Vertrauensstellung. Weil sie sehr angesehen ist in der traditionellen Gesellschaft, bedeutet ihre Anwesenheit eine Verbindung zur eigenen Kultur. Deshalb führt  Ärzte der Welt Schulungen für die traditionellen Geburtshelferinnen durch. Dadurch können Geburten sicherer gemacht und lebensbedrohliche Komplikationen vermieden werden.
Für die werdenden Mütter wird in diesem Jahr zusätzlich ein neues Programm eingeführt, dass der HIV-Übertragung von der Mutter auf das Neugeborene vorbeugen wird.
Kleinkinder bis zu fünf Jahren werden regelmäßig untersucht, um eine Mangelernährung frühzeitig zu erkennen. Unterernährte Kinder werden zur Behandlung an ein Ernährungszentrum weitergeleitet.

Die Verlegung von Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen, die nicht in den Gesundheitseinrichtungen versorgt werden können, erfolgt weiterhin kostenlos mittels der Projektfahrzeuge von Ärzte der Welt, die regelmäßig nach Gbarnga fahren. Die Patienten werden in der stationären Kurzzeiteinrichtung von Ärzte der Welt oder im Phebe-Krankenhaus weiterbetreut. Ein weiterer Fortschritt ist, dass mittlerweile einige Kliniken Funkgeräte erhalten haben. Sie können im Notfall einen Krankentransport organisieren, weil es noch immer viel zu wenig öffentliche Transporte gibt.
In der Zwischenzeit hat Ärzte der Welt eine zusätzliche Klinik in Jorwah, im Grenzbereich zu Guinea, eröffnet. Der Kliniker, der schon vor dem Konflikt dort gearbeitet hatte, ist wieder dort tätig, jetzt in leitender Funktion. Eine bereits bekannte Person steht für Vertrauen und Kontinuität in der Einrichtung.
Insgesamt war ich glücklich zu sehen, wie gut sich das Projekt weiterentwickelt. Auch die Strategie von Ärzte der Welt, die Verantwortung Schritt für Schritt in lokale Hände zu übergeben, scheint aufzugehen. Das Engagement in Liberia, mit und für die Menschen zeigt Wirkung. Ich bin dankbar, dass ich dieses Projekt ein kleines Stück des Weges mit begleiten durfte.

Das Projekt geht weiter und wird mit Mitteln des Auswärtigen Amts gefördert.




Impressum