Am
19. November 2008 wurden in München Grenzen und Möglichkeiten eines
verbesserten Zugangs zur Gesundheitsversorgung von Menschen ohne
Aufenthaltstatus diskutiert
In Deutschland leben nach
Schätzungen von Experten ca. 1 bis 1,5 Million Migranten ohne gültigen
Aufenthaltsstatus, deren gesundheitliche Versorgung unzureichend
geregelt ist. Medizinische Versorgung für alle ist ein Menschenrecht –
darüber waren sich viele Experten einig, die Ärzte der Welt, Café 104
und IPPNW München zum Fachtag über den „Zugang zur
Gesundheitsversorgung von Menschen ohne Aufenthaltstatus in
Deutschland“ eingeladen hatten.
Grenzen
und Möglichkeiten medizinischer Behandlung von Menschen ohne
Aufenthaltsstatus wurden mit Vertretern der Stadtverwaltung, der
Politik sowie Nicht-Regierungsorganisationen diskutiert. Im Fokus der
Debatte standen unter anderem die sehr umstrittene Mitteilungspflicht
und die Frage der Kostenübernahme, insbesondere für Therapien und
stationäre Behandlungen.
In
Deutschland sind zuständige
Sozialämter gemäß dem Aufenthaltsgesetz dazu verpflichtet, in der
Illegalität lebende Menschen der Ausländerbehörde zu melden. Nur zwei
EU-Länder haben die sogenannte Mitteilungspflicht eingeführt:
Griechenland und Deutschland. Viele der geladenen Experten kritisierten
den unklaren juristischen Rahmen der Vorschrift. Für Siegfried Benker,
Fraktionsvorsitzender der Münchner Grünen, ist der Paragraph 87 des
Aufenthaltsgesetzes „ein Schnüffelparagraph, der abgeschafft werden
sollte“. Für Claudia Vollmer, Leiterin der Ausländerbehörde im
Kreisverwaltungsreferat der Stadt München, spielt die
Mitteilungspflicht in der Verwaltungspraxis „eigentlich überhaupt keine
Rolle“. Dennoch, „Es herrscht die Furcht vor, bei einem Gang zum Amt
verhaftet zu werden“ wie Petra Spitzbarth vom Amt für Wohnen und
Migration der Stadt München betonte. Aus Angst vor der Aufdeckung ihres
nicht legalen Aufenthaltes und einer anschließenden Ausweisung, zögern
Menschen ohne Aufenthaltstatus einen Arztbesuch so lange wie möglich
hinaus. Durchführbare Lösungen wurden erörtert, wie beispielsweise die
Einführung eines anonymen Krankenscheins oder eine Erweiterung der
Schweigepflicht auf Sozialämter.
Mitarbeiterinnen
von Ärzte der Welt und Café 104 berichteten, dass nur dank des
ehrenamtlichen Engagements von Ärzten und Helfern, diesen Menschen eine
ganzheitliche soziale Beratung und medizinische Versorgung geboten
werden kann. Stationäre Behandlung und lange Therapien bleiben jedoch
problematisch. Hierzu begrüßten alle Teilnehmer die Bereitstellung von
jährlich 100.000 Euro durch die Stadt München, ab März 2009 zur
Abdeckung der Behandlungskosten von nicht versicherten Menschen in
München.
In einem europäischen Vergleich berichtete Prof. Dr.
Heinz-Jochen Zenker von Ärzte der Welt, dass in anderen Ländern der EU
wie Frankreich, Spanien oder Belgien eine Krankenversicherung für alle
Menschen bereits existiert. Auf der Bundesebene sei der politische
Wille leider noch zu schwach ausgeprägt, um ein passendes Modell
umzusetzen. Doch „in München besteht eine gesellschaftliche Offenheit
für eine Diskussion ohne Vorbehalte“, so Dr. Margret Spohn vom
Sozialreferat der Stadt München. Zum Abschluss der Podiumsdiskussion
formulierten die Teilnehmer konkrete Ziele: Eine Revision der
Mitteilungspflicht und eine verstärkte Unterstützung der Arbeit von
Nicht-Regierungsorganisationen zugunsten von Menschen ohne
Aufenthaltsstatus.