Seit dem Attentat im Theater von Moskau im November 2002 haben sich die russischen Militäroperationen in Tschetschenien weiterhin verschärft.
Auch im Namen der Terrorismusbekämpfung sind gezielte Verhaftungen an der Tagesordnung, was zu einer ständigen Verunsicherung bei der Zivilbevölkerung im Land führt. Tschetschenische Unabhängigkeitskämpfer wiederum gehen gegen die russischen Soldaten und die von Russland abhängige Verwaltung vor.
Ärzte der Welt – Médecins du Monde ist seit 1995 eine der wenigen tätigen Hilfsorganisationen in der Region, die sich für den Schutz und Gesundheitsversorgung der Opfer des Konflikts einsetzen. Auch wenn sich die Ärzteteams aus Sicherheitsgründen zeitweise nach Inguschetien und in das Büro nach Moskau zurückziehen müssen, so kann der schwierige Zugang zur Gesundheitsversorgung und Betreuung der Verletzten Dank einheimischer Mitarbeiter aufrechterhalten werden.
In Grozny sind 2 ausländische und 45 einheimische Mitarbeiter in einem Gesundheitszentrum und in zwei Gesundheitsstationen in Vororten der Hauptstadt für die Versorgung von rund 120.000 Menschen zuständig.
Zur Verstärkung der Notfallchirurgie hat die Organisation klinische Ausstattung und medizinisches Versorgungsmaterial zur Nachsorge der Patienten bereitgestellt. Zudem sammelt ein eigens angestellter Protection Officer Zeugenaussagen der Verletzten und Vertriebenen.
In den von uns betreuten Krankenstationen werden vermehrt Verletzte mit Schussverletzungen eingeliefert. Der Zugang von Betroffenen zu einer öffentlichen ärztlichen Versorgung sowie von Ärzten zu den Opfern stellt weiterhin ein erhebliches Risiko dar. Evakuierungen sind daher zeitweise nicht möglich. Plünderungen erschweren die medizinische Versorgung der Krankenhäuser und werden meist nicht unterbunden oder verfolgt.
Die Arbeit einer unabhängigen Justiz wird genauso wie die Arbeit humanitärer Hilfe durch fehlende Sicherheit dauerhaft gestört.
Jedoch sind die Nichtregierungsorganisationen offiziell und öffentlich durch Moskau aufgefordert worden, ihre Hilfe für den Wiederaufbau Tschetscheniens auszubauen. Die Unsicherheit und Kontrolle jeder Hilfsorganisation und Logistik im Land aber behindert jede unabhängige und unparteiische humanitäre Arbeit.
Man muß daran erinnern, daß im internationalen humanitären Recht und im Zusatzprotokoll I der Genfer Konventionen ein Unfallschutz sowie die Erleichterung der Arbeit der Hilfsorganisationen, besonders medizinischer Aufgaben, gewährleistet werden soll.
Mehr als 300.000 Personen sind aus Tschetschenien nach Inguschetien, Georgien, nach Dagestan und Russland geflohen. Die Überlebensbedingungen sprechen für sich:
- überfüllte und schlecht ausgestattete Lager mit veralteten und undichten Zelten. Auch Kellerräume, leere Fabriken und Lagerhäuser dienen als Unterschlupf, auch ohne Wasser und Sanitäreinrichtungen. Die Infektions- und Erkältungskrankheiten nehmen zu und eine Rückkehr in die Heimat ist aus den genannten Sicherheitsbedingungen meist unmöglich.
Die Angaben zu Sicherheits- und Gesundheitsmissständen bei den Rückkehrenden werden war von Organisationen und Medien aufgenommen, haben bisher aber nicht zu konkreten politischen Änderungen weder bei den russischen Behörden noch bei den Vereinten Nationen geführt.
Viele Betroffene sagen, dass die Stille der Weltgemeinschaft mitschuldig ist an der katastrophalen Situation in Tschetschenien und die Menschen ohne Hoffnung auf Änderung zurücklässt.
Ärzte der Welt appelliert daher dringend an die Menschenrechtskommissionen der UN und EU, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, damit der freie Zugang der humanitären Hilfe durch Nichtregierungsorganisationen sowie eine sichere Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen sichergestellt wird.
Zudem soll ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, der unabhängige Berichterstatter in Tschetschenien zulässt. Diese Maßnahmen sind nachweislich von den zivilen und militärischen russischen und tschetschenischen Parteien zu unterstützen.
Perspektivisch will Ärzte der Welt – Médecins du Monde die medizinische Grundversorgung in Tschetschenien ausbauen. Eine große Rolle bei der Wiederaufbauarbeit spielt hierbei weiterhin die verschobene Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen nach Tschetschenien.
Inguschetien
Die Präsidentschaftswahlen im Frühlings 2002 haben in der Republik Inguschetien den Machterhalt der Militärs mit einem General an der Spitze des Landes bestätigt.
Der Versuch, die Flüchtlingslager an der Grenze abzuschaffen, hat schätzungsweise 30% der Flüchtlinge zurück nach Tschetschenien, ins Exil nach Russland oder in andere Länder getrieben. Ärzte der Welt - Médecins du Monde ist seit 1995 mit Programmen der Basisgesundheit und psychologischen Fürsorge in zwei Grenzlagern tätig.
Zwei neu eröffnete Gesundheitsstationen und Rehabilitationszentren in den Lagern bieten medizinische Untersuchungen und Betreuung besonders für traumatisierte Mütter und Kinder.
Ein seit 2002 erarbeiteter und vorliegender Bericht mit gesammelten Zeugenaussagen dokumentiert den Druck der Regierung auf die Flüchtlinge, nach Tschetschenien zurückzukehren.
Perspektivisch setzt sich die Arbeit der Organisation und ihrer Gesundheitspartner in Inguschetien zunächst wie bisher fort und orientiert sich dabei an der konkreten Sicherheits- und Gesundheitssituation für die rückkehrenden Flüchtlinge und in der Zivilbevölkerung.
Geschichte
1995: Notfallchirurgie und primäre Gesundheitsdienste in Tschetschenien und Inguschetien.
1996: Aufnahme eines „mentalen Gesundheitsprogramms" zu den medizinischen Aktivitäten
1998: Evakuierung des ausländischen Personals, die 6 Lager Flüchtlingslager in Argun, Goudermès und Grozny werden von einheimischen Projektmitarbeitern weitergeführt
1999: Das gesamte Personal muß aus Grozny evakuieren, betreut daraufhin medizinische Versorgungszentren in den Grenzlagern Inguschetiens und eröffnet ein Projektbüro in Nazran, im Norden des Kaukasus.
2000: Rückkehr der Mitarbeiter nach Tschetschenien. In Sernovodsk wird ein neues Lager eingerichtet, um die medizinisch-chirurgische Arbeit in insgesamt 7 Krankenhäusern vorzubereiten. Im März beginnt die Gesundheitsversorgung in "Microrayon", dem bevölkerungsreichsten Distrikt in Grozny; im Juli dann im Distrikt von "Oktiabr" in Grozny; im September wird das Lagers von Sernovodsk an Projektpartner übergeben.
Zwei medizinische Gesundheitsstationen und die Ergotherapie werden in Goudermès wegen einer Neuorientierung der Programme geschlossen
2001: Schließung einer Gesundheitsstation und der Ergotherapie in Argon. Beginn der medizinischen Versorgung im nationalen Kinderkrankenhaus von Grozny.
2002-2004: Antrag auf Überprüfung der Menschenrechtssituation in Tschetschenien bei der Sitzung der Europäischen Menschenrechtskommission im Mai 2004.
Situation in Tschetschenien:
1989: 1.200.000 Einwohner. 1990 - April 2002: 80.000 Tote, 200.000 Verletzte, 300.000 Vertriebene im Exil. 80% der Infrastruktur im Land ist zerstört oder beschädigt.
Diese Schätzungen verschiedener großer humanitärer Organisationen und des Flüchtlings-Hochkommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) können das Leiden des tschetschenischen Volkes nicht genug verdeutlichen. Leiden, das durch die Stille und die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft verstärkt wurde. Diese Stille zu brechen ist das erklärte Ziel auch bei der 58. Sitzung der UN-Menschenrechtskommission 2004.
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