Afghanistan

Politischer Hintergrund

Nach 23 Jahren Krieg und dem Abzug der Taliban Ende 2001 wollen die Afghanen an Frieden, Wiederaufbau und Fortschritt glauben. Doch trotz internationaler Hilfe und militärischer Befriedung der großen Städte ist das Land weit davon entfernt, sicher zu sein. Der Aktions-ereich der Nichtregierungs-Organisationen ist in Wirklichkeit recht begrenzt und nur ein Drittel des Landes kommt in den Genuß einer Hilfe. Der Umbau des Gesundheitssystems tendiert zur Privatisierung unter Ausschluß der ärmsten Bevölkerungsgruppen.

Projekte
Kindersterblichkeit
keine Angabe
Lebenserwartung
keine Angabe
MDM Delegation Kanada

Profitierende Bevölkerung
Projekt 1: direkt 36.000 / indirekt 92 000
Projekt 2: direkt 415 000
Projekt 3: direkt 280 000 / indirekt 570 000

Personal
(international / lokal)
Projekt 1: 2 / 25
Projekt 2: 2 / 30 / MCH 52*
Projekt 3: 6 / 7
*Mitarbeiter der Zentren

Finanzierung
MDM
Budget 2004 206 218 Euro

Gesundheitsversorgung für Mutter und Kind in Kabul (1) und Herat (2)

Seit 1995 unterstützt ÄdW zwei Zentren zum Schutz von Mutter und Kind in Kabul. Zwei der vier Zentren sind einer anderen NGO übergeben worden (MSF Schweiz). In der Stadt Herat unterhält ÄdW seit 1992 in drei Kliniken ebenfalls ein Mutter-Kind-Programm. Beide Programme gründen sich auf drei Schwerpunkte:
· Medizinische Versorgung der Frauen (medizinische Beratung in Kinderheilkunde, Gynäkologie und Geburtshilfe, Impfkampagnen, allgemeine Gesundheits- und Hygiene-Erziehung, in Herat zusätzlich Mangelernährungstherapie und Allgemeinmedizin)
· Schulung des örtlichen Pflegepersonals
· Wiederherstellung sowie Belieferung mit Medikamenten und materieller Ausrüstung der medizinischen Infrastruktur.
Der Bereich Ausbildung hat seit dem Abzug der Taliban eine besondere Bedeutung bekommen. Frauen ist seit zwei Jahren wieder erlaubt, zu arbeiten. Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen können jetzt ohne Angst wieder berufstätig sein.

Weitere Vorhaben: Übernahme der Mutter-Kind-Programme in Kabul durch eine lokale nichtstaatliche Hilfsorganisation, in Herat durch die Gesundheitsbehörden. Das ermöglicht uns, neue Projekte im Bereich der Risikogruppen und bei bestimmten Nomadenstämmen anzugehen.

Förderung der Primärgesundheit in Changhcharan

ÄdW unterhält ein Projekt zur Unterstützung von Versorgungseinrichtungen für die Primärgesundheit der Zivilbevölkerung von Chaghcharan, gerichtet auf drei Ziele:
• Wiederherstellung des Krankenhauses von Chaghcharan (Beratungs-, Behandlungs- und Operationsräume) und das Gesundheitszentrum von Taiwara, das über keine Ambulanz verfügt
• Schulung des medizinischen Personals (Ärzte, Chirurgen, Krankenpfleger, Hebammen)
• Ausrüstung mit medizinischem und nichtmedizinischem Material und Versorgung mit Medikamenten.
2004 haben die logistische Instandsetzung des Krankenhauses und die Schulung des Personals den selbständigen Betrieb der Einrichtung zum Jahresende ermöglicht.

Weitere Aussichten: Rivalitäten zwischen Kommandeuren und Kriegsherren (mit bewaffnetem Konflikt) haben zu einer erheblichen Instabilität in der Provinz geführt. Das zwang die ausländische Gruppe, Chaghcharan Ende 2004 endgültig zu verlassen. Medizinische und Landes-Koordination konnten jedoch eine Weiterführung der Versorgung von Kabul aus sicherstellen - unter besonders engagierter Beteiligung der afghanischen Belegschaft.

Die Finanzierung der medizinischen Nothilfe für das Krankenhaus in Chaghcharan und für die Gesundheitsstation in Taiwara im Landesinnernen ermöglichte der Arbeitsstab Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt in Berlin. Das langfristig entwicklungsorientierte Mutter-Kind-Projekt in Herat unterstützte die Organisation Johanniter e.V.

Stellungnahme zu den Projekteinsätzen

Ärzte der Welt spricht sich deutlich für eine unabhängige humanitäre Hilfe und somit gegen die Vermischung mit Militäreinsätzen in Afghanistan aus.
Die von den Vereinigten Staaten von Amerika geführte Koalition in Afghanistan hat seit Ende 2002 sogenannte „Provincial Reconstruction Teams (PRT)“ eingesetzt.
Diese meist aus Reservisten der US Armee bestehenden Einsatzgruppen sollen helfen, die Sicherheit in Zonen außerhalb der Kontrolle der Zentralverwaltung zu gewährleisten.
Bei ihren Einsätzen sollen sie sich auch bei humanitären Hilfsaktionen und beim Wiederaufbau beteiligen. Dadurch kommt es bei allen Beteiligten in Afghanistan, bei den unabhängigen Hilfsorganisationen und besonders bei der Zivilbevölkerung zu Irritationen und Sicherheitsproblemen:
Ärzte der Welt ist über die Auswirkungen der PRT-Arbeit auf die humanitäre Hilfe in Afghanistan sehr besorgt.

1) Generell wird die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der humanitären Hilfsorganisationen gerade in der Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung gefährdet.
2) Die PRT- Teams werden nur in Gebieten eingesetzt, deren Lokalverwaltung der Koalition wohlgesinnt ist. Eine spezialisierte und möglichst objektive Einschätzung der wirklichen Bedürfnisse der Bevölkerungen wird nicht gewährleistet.
3) Es besteht eine ernste Gefahr für die Sicherheit der Mitarbeiter, weil humanitäre Hilfe mit einem Soldateneinsatz verwechselt werden kann.
4) Die Bemühungen von Ärzte der Welt, zu Partnern und Bedürftigen eine Beziehung auf Grundlage von Vertrauen und Respekt aufzubauen und auch nach der Krise fortzuführen, werden gestört.

Ärzte der Welt fordert daher ausdrücklich:
- Eine klare Unterscheidung zwischen „Militärs“ und „humanitären Mitarbeitern“ am Ort vorzunehmen und die afghanische Bevölkerung auch an jedem Ort darüber speziell zu informieren.
- Eine klare Begrenzung der Kompetenzen: Die PRT sollten in den Kompetenzsektoren des Militärs, z. B. im Wiederaufbau (Infrastruktur wie Straßen, Häuser, Wasserversorgung, etc.) eingesetzt werden. Die Arbeit mit der Zivilbevölkerung (z.B. Gesundheit, soziale Maßnahmen, Rehabilitation, Erziehung und Entwicklung) muss in der Zuständigkeit der speziell ausgerichteten und unabhängigen humanitären Organisationen bleiben.

Ärzte der Welt / Médecins du Monde (MDM) vertritt diese humanitären Mindeststandards auch auf der Ebene des UN-Sicherheitsrats. Eine unabhängige Expertengruppe (Humanitarian Commission) kümmert sich neben dem Schutz von Zivilbevölkerungen auch präventiv um die Verhinderung von neuen Konflikten.