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Aktuelles
Syrien - ‚Ärzte der Welt‘ fordert ein Ende der Gewalt gegen Zivilisten und verstärkt seine Hilfsaktionen in den Nachbarländern
Mai 2012: Die Gewalt gegen Zivilisten in Syrien nimmt kein Ende. Große Hoffnungen werden weiterhin in den Friedensplan gesetzt, den der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan vorgelegt hatte. ‚Ärzte der Welt‘ verurteilt die Gewalt gegen Zivilisten und verstärkt zunächst seine Hilfsmaßnahmen in den Nachbarländern, in denen syrische Flüchtlinge Schutz suchen.» mehr
Somalia, die humanitäre Falle
Juli 2011 - Seit einigen Tagen macht Somalia eine beachtliche Rückkehr in die Schlagzeilen der Medien. Laut zahlreicher Beobachter (Nichtregierungsorganisationen, Agenturen der Vereinten Nationen, Journalisten), werden nun mehrere Gebiete des Landes von einer verheerenden und seit zwanzig Jahren beispiellosen Ernährungskrise heimgesucht.
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von Pierre Salignon, Direktor für humanitäre Hilfe bei Ärzte der Welt Frankreich (Médecins du Monde). Frei übersetzt aus dem Französischen.
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Die Vereinten Nationen sprechen für den Süden Somalias sogar von einer Hungersnot. Der Hilfsappell wird auch durch die Hilfsorganisationen verbreitet, die in Somalia, aber auch in Kenia und Äthiopien im Einsatz sind, wo jeden Tag mehrere Tausende Flüchtlinge völlig hilflos und erschöpft ankommen. Wieder einmal sind die schockierenden Bilder hungernder und abgemagerter Kinder überall in den Medien zu sehen und lenken die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Schicksal der benachteiligten Bevölkerungen am Horn von Afrika. Alle „wohlwollenden Hilfswerke“ rufen zu Spenden auf, um der Trägodie entgegenzuwirken, um Nahrung unverzüglich einzufliegen, um „das Schlimmste zu vermeiden“ und mehrere Millionen Menschen, die Hunger leiden, zu retten.
Während sich die internationalen humanitären Akteure mobilisieren, um den Menschen, die Hunger leiden, zu helfen, ist ein Blick in die Vergangenheit nicht uninteressant. Zumal das Szenario bekannt ist und sich in dieser unruhigen und regelmäßig Mangelernährung ausgesetzten Region wiederholt.
Die Dilemmas und Risiken, die mit einer solchen Hilfsaktion verbunden sind, wurden bereits von Jean-Christophe Rufin in seinem im Jahre 1992 veröffentlichten Buch „Le piège humanitaire“ [„Die humanitäre Falle“] identifiziert und besonders gut beschrieben...
Der „French Doctor“ schreibt: „Monatelange Kampagnen, ungeheuerliche Bemühungen waren nötig, damit Somalia, das am Tiefpunkt angelangt war, endlich in die Medien „kommt“. Als die humanitäre Maschine sich in Gang setzte, tat sie es in einer spektakulären aber unzweckmäßigen Weise. Die große Hilfsaktion „Reis für Somalia“ […] reagierte auf die tatsächlichen Probleme unbedacht. [Denn] die Schwierigkeiten vor Ort in Somalia entstanden nicht aufgrund von zu wenig verfügbaren Nahrungs- oder Finanzmitteln. Die Medienkampagnen hatten letztendlich zur Folge, dass erhebliche Mittel für das Land bereitgestellt wurden. Das Problem war aber vielmehr, dass diejenigen, die Hilfe leisteten in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt waren und das Land außerordentlich instabile Verhältnisse aufwies. Die Allgegenwart von bewaffneten Milizen, ihre Angewohnheit, die Bevölkerung zu erpressen und die Hilfe, die dieser bestimmt war, zu unterschlagen, machten die Verteilung unwirksam.“
Diese Analyse bleibt erstaunlicherweise brandaktuell, da sie die [derzeitige] Tragödie, die sich vor unseren Augen abspielt, erklärt. Die Analyse ist auch eine Art Erinnerung daran, dass die jetzige Hungersnot, wie von den Vereinten Nationen dargestellt, nicht nur durch die Dürre und den Mangel an Regen, unter dem die nomadischen Viehhüter am meisten leiden, erklärt werden kann.
Die Nahrungskrise, die Somalia (und die Region) derzeit trifft, ist das Resultat eines langatmigen, schrittweisen Verfalls, der aufgrund von immer wiederkehrenden klimatisch bedingten Stresssituationen und Konflikten seit Anfang der 90er Jahre einsetzte.
Wie Rufin schon in seinem Buch erklärt, herrscht in Somalia nach mehreren Zerwürfnissen keine politische Autorität mehr. Rivalisierende Gruppierungen mit unklaren Gesinnungen teilen sich das Land untereinander auf. Die Tatsache, dass die Regierung in Somalia seit 1991 faktisch nicht vorhanden ist, hat die Situation vor Ort [zusätzlich] verschlimmert.
Man sollte auch nicht vergessen, dass mehrfach politische und militärische Interventionen in Somalia stattfanden: angefangen von der amerikanischen Militäroperation „Restore Hope“, über den Einmarsch der äthiopischen Armee (2007-2009), bis hin zur Stationierung von Truppen der Vereinten Nationen. Und dann in Folge der Bombenanschläge in Nairobi und New York die Gründung ausländischer, islamistischer Zellen...
Die weitverbreitete, chronische Anarchie stärkte die Positionen lokaler Klanchefs und verwandelte Somalia in ein Land, in dem [heutzutage] jede Art von dubiosen Aktivitäten, inklusive die der islamistischen Milizen, vorkommt. Für Zivilisten bleibt das Überleben eine tägliche Herausforderung.
Angesichts dieser instabilen Verhältnisse konnten humanitäre Helfer, trotz wiederholter Versuche, keine wirksame und dauerhafte Präsenz vor Ort aufrechterhalten. Manche von ihnen wurden ermordet oder Ziel von gewaltsamen Übergriffen und Entführungen, so dass humanitäre Organisationen aus Sicherheitsgründen dazu gezwungen wurden, ihre Hilfseinsätze aus der Distanz zu überwachen. DER Stützpunkt der Region ist für viele Organisationen die kenianische Hauptstadt Nairobi. Nur so ist humanitäre Hilfe möglich, die jedoch mit einem Verlust an Kontrolle über die Aktivitäten einhergeht.
Islamistische Milizen übernahmen nach und nach die Kontrolle über den Süden Somalias und zwangen den dort lebenden Menschen ihre konservative Sicht des Islams auf. In Folge wurde die Arbeit des Welternährungsprogramms auf eine harte Probe gestellt; schließlich wurde die Organisation aufgrund der vor Ort herrschenden schlechten Sicherheitssituation, weitverbreiteter Korruption und massiven Missbrauchs, dazu gezwungen ihre Nahrungsmittelhilfe aufzugeben.
Anders ausgedrückt, alle notwendigen Bedingungen waren gegeben, so dass die vor Ort herrschende chronische Armut und die derzeitige Dürre sich zur einer neuen Katastrophe für die von Gewalt und Mangel gepeinigte Bevölkerung entwickelte. Die Flüchtlinge, die nun in den Lagern in Kenia und Äthiopien ankommen, sind ein weiterer konkreter Beweis für diese historische und zugleich brandaktuelle Tragödie.
Die Vereinten Nationen haben für zwei Gebiete im Süden des Landes eine akute Hungersnot ausgerufen. Die islamistischen Milizen, die diese Gebiete kontrollieren haben zwar kürzlich um internationale Hilfe gebeten (wobei sie sich zugleich weigern von einer Hungersnot zu sprechen), dennoch sind diese Appelle nicht besonders beruhigend. Glaubt wirklich jemand daran, dass Somalia sich nun wie durch Zauberei der internationalen Hilfe öffnet? Ohne Risiken, ohne Forderungen nach Gegenleistungen?
Für die humanitären Organisationen, die sich gerade darum bemühen die Katastrophe einzudämmen und ihre Hilfseinsätze verstärken, ist die Herausforderung groß: Sie müssen schnell handeln und dabei ihre Ressourcen vorsichtig einsetzen; in einem Gebiet, in dem sie nicht willkommen sind und in dem ihnen die Arbeit nicht leicht gemacht wird. In anderen Worten: Es besteht ein erhebliches Risiko dafür, dass die Nahrungsmittelhilfe veruntreut wird.
Die bisherigen Erfahrungen, die aus den vergangenen Hilfseinsätzen gezogen werden können, lehren uns, dass die derzeitige Mobilisierung für finanzielle Mittel– so notwendig sie auch sei – nicht ausreichen wird, um der Katastrophe erfolgreich entgegenzuwirken und Somalia aus dem aktuellen Teufelskreis herauszuholen. Humanitäre Soforthilfe wird hier – wie auch in anderen Fällen - nicht die Lösung des Problems sein.
Obwohl humanitäre Hilfe zum jetzigen Zeitpunkt die einzig denkbare Möglichkeit ist zu helfen, so ist diese Antwort auf die Krise keineswegs zufriedenstellend. Sie wird es sicherlich ermöglichen, die akute Nahrungskrise einzudämmen. Sie wird sie aufgrund mangelnder politischer Perspektiven jedoch nicht lösen.
Zwar ist Somalia ein gescheiterter Staat, jedoch spiegelt die aktuelle Tragödie auch das kollektive Versagen der internationalen Gemeinschaft und der Regierungen der Region wieder. Die Situation dieses Landes ohne Ressourcen und strategischen Wert kann sich mit folgenden Wort zusammenfassen lassen: Aufgegeben. Seit 20 Jahren hat sich nichts geändert.
Aufgrund des Nichtvorhandenseins einer langfristigen Strategie für Somalia, gibt sich die internationale Gemeinschaft, in Form der Vereinten Nationen, heute wie gestern, mit temporären und humanitären Lösungen bei jeder neuen Krise zufrieden. Solange, bis die Aufmerksamkeit das Horn von Afrika und die von ihren eigenen Regierungen vernachlässigten, hungernden Bevölkerungen wieder verlässt. Wieso sollte es morgen anders sein? Ohne wesentliche Veränderungen in der Vorgehensweise und ohne „langfristige Investitionen“, so wie es die Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen fordert (insbesondere hinsichtlich der Landwirtschaft) wird es nicht möglich sein, aus dieser humanitären Falle herauszukommen und unmöglich zukünftigen Krisen entgegenzuwirken.



