Länderliste

Kindersterblichkeit 72‰
Lebenserwartung 62 Jahre
Entwicklungsindex 0.532
Rang 149 von 182
BIP/Einwohner nicht verfügbar

 


Projektorte
Port-au-Prince, Gonaïves, Jérémie, Distrikt Grande-Anse


Projektziel
Hilfe für die Sturmopfer, Medizinische Grundversorgung und die Bekämpfung endemischer Gewalt


Gesamtkosten 2008
1 096 057 Euro


Unterstützung
private Spendengeldern, Sternstunden e.V.

Haiti

Die Notsituation hält an

700 000 Menschen in Port au Prince leben immer noch in Zelten

Der Beginn der Wirbelsturmsaison ist ein entscheidender Moment für den Wiederaufbau in Haiti geworden. Zwar ist die sanitäre Lage unter Kontrolle, die Lebensbedingungen für die Geschädigten von Port-au-Prince und dessen Umgebung (1,3 Millionen Menschen) sind jedoch nach wie vor extrem schwierig. „Es wird immer schlimmer“: Für viele bessert sich die tägliche Lage kaum, durch den Abbruch der Lebensmittelverteilungen wird sie eher schlimmer. Die haitianischen Behörden müssen daher schnell eine spürbare Verbesserung herbeiführen – mit Hilfe der versprochenen, aber nur zögerlich ankommenden Unterstützung durch die Vereinten Nationen und andere Staaten.

Kompletten Bericht lesen oder herunterladen: Bitte hier klicken.

Fotos: Sandra Rude

Die von der Internationalen Gemeinschaft versprochenen Gelder für ein wirklich gerechtes Gesundheitssystem aufwenden

Bis zum heutigen Tag sind von den versprochenen 10 Milliarden nur einige hundert Millionen tatsächlich von den Staaten und den Kreditgebern überwiesen worden: Es wird höchste Zeit, dass die Versprechen gehalten werden, es muss schneller gehen.

Die von der Internationalen Gemeinschaft bei der Geberkonferenz in New York im März versprochenen 10 Milliarden Dollar müssen dazu verwendet werden, ein gerechteres Gesundheitssystem zu finanzieren und einzurichten, gerechter in Bezug auf die Kosten und auf Standorte in den ärmsten Vierteln, die am schwierigsten zu erreichen sind. Einige der Kliniken, die im Rahmen der Noteinsätze von Ärzte der Welt und anderen NGOs gegründet wurden, könnten daher zu dauerhaften Bestandteilen eines neuen medizinischen Versorgungsangebots für die Ärmsten der Haitianer werden.

Nach dem Erdbeben hat die haitianische Regierung den kostenfreien Zugang zu medizinischen Versorgung für alle Bürger für 6 Monate versprochen. Im Moment gewährt die angekündigte Maßnahme jedoch nur die Kostenfreiheit der Medikamente bis Oktober 2010. Durch die Rückkehr zu einem System der Bezahlung für die medizinische Versorgung in den Hospitälern wird jedoch die Mehrheit der Bevölkerung von der Versorgung mit Medikamenten ausgeschlossen, insbesondere die Schwächsten, nämlich Schwangere und Kinder unter 5 Jahren. Für diese Bevölkerungsgruppe muss die Kostenfreiheit der medizinischen Versorgung auf jeden Fall gewährt und zu einer dauerhaften Maßnahme des haitianischen Gesundheitssystems werden.

Anfällige Gesundheitssituation

Kein Ausbruch ansteckender Krankheiten, einige Fälle von Malaria und Typhus, die diagnostiziert und behandelt wurden, die Impfung von Kindern und Säuglingen sowie die Erkennung und die Behandlung von leichter und schwerer Mangelernährung: Durch die von den NGOs, unter anderen Ärzte der Welt, durchgeführten Aktivitäten konnten die negativen Einwirkungen der Katastrophe auf die Gesundheit begrenzt werden.

Dadurch konnten auch Tausende von Haitianern zum ersten Mal wirklich medizinisch versorgt werden. Vor dem Erdbeben hatten etwa 60 % der Bevölkerung keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Zurzeit werden von den Ärzte der Welt-Teams in 10 provisorischen Zeltkliniken in den ärmsten Vierteln 5.000 Sprechstunden pro Woche abgehalten. Es ist nach wie vor schwierig, Kranke zur Behandlung in ein Hospital zu überweisen. Die Transfers innerhalb der verschiedenen Abteilungen in den Hospitälern sind ebenfalls äußerst kompliziert.

Ärzte der Welt-Daten: 10 Kliniken, 123.000 Behandelte, bis zu 112.000 abgehaltene Sprechstunden seit Anfang Januar 2010, 20.000 davon im Bereich Reproduktionsmedizin.

Verbesserung der Lebensbedingungen: Zu wenig, zu langsam

Die Lebensbedingungen der 1,3 Millionen Geschädigten sind nach wie vor krankheitsfördernd. Die behandelten Patienten kehren in ihre Zeltstädte zurück, in denen keine Lebensmittel verteilt werden und wo der Zugang zu Trinkwasser schwierig ist; zudem regnet es immer häufiger.

Die medizinischen Teams sind machtlos und frustriert, in der Bevölkerung breiten sich Verständnislosigkeit und Wut aus: Obwohl das Erdebeben jetzt schon über 6 Monate zurück liegt, gibt es noch kein umfassendes Projekt zur Verbesserung der Lebensbedingungen. Das Vorhaben, von der Hauptstadt weit entfernte und ungeeignete Umsiedlungslager einzurichten, wurde aufgegeben. Andere Lösungsvorschläge gab es aber auch nicht.

Die in 400 Lagern untergebrachte Bevölkerung erhält keine oder nur wenige Informationen über eine eventuelle Rückkehr in Häuser, die als bewohnbar angesehen werden. Es sollte möglichst bald alle Bewohner informiert werden, damit diejenigen, die dazu in der Lage sind, in ihre Wohnstätten zurück kehren können. Weiterhin müssten viel schneller mehr solidere provisorische Unterkünfte errichtet werden. Ende Juni waren erst 3.000 Unterkünfte dieser Art gebaut worden.

„Wir können es nicht vergessen“: Der Schock wirkt immer noch nach

In allen 10 Ärzte der Welt-Standorten werden mehrmals pro Woche Gesprächsgruppen für Erwachsene, Workshops für Kinder und Einzelgespräche organisiert. „Jeden Morgen kommen Patienten mit imaginären Krankheiten zu mir“, berichtet Doktor Emanuela, „der Untersuchung nach haben sie offensichtlich nichts, aber wenn man nachfragt, sagen sie, dass sie nicht schlafen, nicht essen, und dass sie die 52 Sekunden des Erdbebens immer wieder durchleben. Ich rate ihnen, zu einem Psychologen zu gehen oder an einer Gesprächsgruppe teilzunehmen.“

Erzählen, wie das Erdbeben war, jede Einzelheit ausführen, wie man es überlebt hat, die Verstorbenen, in vielen Fällen gibt es keine Leichen: Vielen der Teilnehmer gibt die Gesprächsgruppe zum ersten Mal Gelegenheit, Fremden zu schildern, was sie erlebt haben. Der Schock kommt erst nach einigen Monaten zum Vorschein. Sie sagen alle: „Wir können es nicht vergessen. Wir können es nur der Vergangenheit zuordnen.“ Sie schildern ihr Leid, mit dem täglichen Leben zu recht zu kommen. „Ich bin nicht mehr normal. Ich kann nicht, überhaupt nicht, wieder so sein wie zuvor.“

Spielen, zeichnen, singen: Seit April haben 6.000 Kinder an den Sozialerziehungsworkshops teilgenommen. Die Bilder sind  eindeutig: Ein bunt gemaltes zerstörtes Haus und eine Hand, die aus den Trümmern ragt; der kleine Junge hat den Tod seiner Mutter bei dem Erdbeben dargestellt. Der Kinderworkshop von Ärzte der Welt endet mit einem Lied gegen Gewaltanwendung, alle singen: „Verletzt die Blume nicht, lasst den Schmetterling frei und glücklich werden, verletzt nicht das Kind.“

Nach einigen Monaten des Lebens in Zelten, wo die Lage durch die Beengtheit und die Unsicherheit sehr schwierig ist, nehmen die Fälle von Gewalt, besonders von sexueller Gewalt, in mehreren der Lager in denen Ärzte der Welt aktiv ist, zu. Die Opfer sind meist Frauen, aber auch Kinder. Der Schock steckt noch tief, die Menschen sind verängstigt: Die psychologische Behandlung muss über die erste Notbehandlung hinaus weiter gehen. Dieser Teilbereich muss in die Wiederaufbaupläne des haitianischen Gesundheitssystems integriert werden.

Finanzielle Aspekte

Das Ärzte der Welt Netzwerk hat in der ersten Dringlichkeitsphase in 6 Monaten 6 Millionen Euro ausgegeben. Ärzte der Welt ist seit über 20 Jahren im Land aktiv und engagiert sich für mehrere Jahre im Wiederaufbau des Zugangs zur medizinischen Versorgung in Haiti. Das internationale Netzwerk von Ärzte der Welt hat insgesamt 14,1 Millionen Euro erhalten.

Gesundheitspolitischer Hintergrund

Einst war Haiti ein Land mit Zukunftsperspektiven. In den 80er Jahren brach jedoch die Agrarwirtschaft aufgrund struktureller Anpassungen zusammen. Seit mehreren Jahren ist das Land mit politischer Instabilität und somit immer wieder mit Gewalt konfrontiert. Als 2006 René Préval zum Präsident gewählt wurde, entschied sich die Regierung in Haiti für wichtige Reformen zur Etablierung des Rechtsstaates und der Einhaltung von Menschenrechten. Mehrere Naturkatastrophen, sowie eine anhaltende Wirtschaftskrise, lähmten jedoch die Durchführung dieser Reformen. 

Haiti ist mit Abstand das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. 70% der circa zehn Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Gekennzeichnet durch die politische Instabilität vergangener Jahre steht das Land vor einer Reihe von sozialen und ökonomischen Herausforderungen. Neben hoher Arbeitslosigkeit und fehlender Infrastruktur weist das Land erhebliche Mängel im Bildungs- und Gesundheitswesen auf. Schon in „normalen Zeiten“ waren die Gesundheitsdienste in Haiti überlastet und nicht in der Lage, den Zugang zur Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung sicher zu stellen. Zudem wird das Land häufig von Naturkatastrophen heimgesucht, wie 2008, als innerhalb von vier Wochen vier Zyklonen Überschwemmungen und verheerende Schäden verursachten. Im Januar 2010 wurde Haiti dann von der nächsten Katastrophe getroffen: Ein schweres Erdbeben vor der Küste erschütterte den Karibikstaat und richtete beträchtliche Schäden an: 220.000 Tote und 300.000 Verletzte so die traurige Bilanz. Mehr als 200.000 Häuser und der größte Teil der Infrastruktur wurden zerstört. Das Beben hat ein bereits angeschlagenes Land verwüstet. In der akuten Nothilfephase wurden Verletzte, auch durch teilweise lebenserhaltende Operationen, medizinisch versorgt.

Karte Haiti

Frauen und Kinder im Fokus der langfristigen Arbeit von Ärzte der Welt in Haiti

Zusammen mit lokalen Partnerorganisationen hilft Ärzte der Welt den betroffene Menschen weiter: In Port-au-Prince werden die Bewohner von 140 Unterbringungslagern durch zehn Kliniken versorgt. In diesen Kliniken führen Ärzte teilweise 5.500 Konsultationen pro Woche durch. Neben psychosozialer Unterstützung und reproduktionsmedizinischer Beratung wird unter anderem die Mangelernährung der Menschen systematisch erfasst.

Der Schwerpunkt der Langzeitprogramme von Ärzte der Welt liegt auf einem kostenfreien Zugang zu medizinischer Grundversorgung für Kinder und schwangere Frauen. Ein spezielles Programm betreut zudem unterernährte Kinder unter fünf Jahren. Kampagne: „Free access to health care“ In Haiti müssen Patienten ihre medizinische Behandlung selbst bezahlen. Diese Nutzergebühren können vor allem in armen Ländern katastrophale Auswirkungen haben und dazu führen, dass Menschen Gesundheitsdienste nicht mehr aufsuchen. Gerade in Haiti ist es fatal, wenn schwangere Frauen aufgrund der erhobenen Gebühren nicht mehr zur Vorsorgeuntersuchungen gehen. 80% der Geburten in Haiti finden zuhause, mit Hilfe von traditionellen Hebammen satt, die für diese Aufgabe oft nicht ausgebildet wurden. Die Müttersterblichkeitsrate ist immens hoch. Während die Müttersterblichkeit im Zeitraum zwischen 1995 und 2000 etwa bei 523 von 100.000 Geburten lag, steigerte sich der Wert auf aktuell 630 bei 100.000 Geburten. Das fünfte Millenniumsentwicklungsziel ist es, die Anzahl der Frauen, die während der Schwangerschaft oder bei der Geburt sterben, um drei Viertel zu reduzieren und einen weltweiten Zugang zu medizinischer Versorgung auf dem Gebiet der reproduktiven Gesundheit zu gewährleisten. Heute, zehn Jahre nach dem Beschluss der Millenniumserklärung, hinkt das Ziel von allen anderen am meisten hinterher. Gerade deshalb ist es wichtig, schwangeren Frauen den Zugang zur Gesundheitsversorgung nicht durch Nutzergebühren zu erschweren. Darum kämpft Ärzte der Welt für eine kostenfreie medizinische Gesundheitsversorgung für Schwangere in den ärmsten Ländern der Welt.

Der Aufbau eines epidemiologischen Frühwarnsystems ermöglicht frühe Behandlung beim Ausbruch von Epidemien. Das Programm wird u.a. mit Mitteln der Spendenaktion Sternstunden des Bayerischen Rundfunks durchgeführt. Schwerpunkt des Programms wird die Schwangerschaftsvor- und nachsorge sein. Dabei soll die Zusammenarbeit mit den Behörden in Haiti verstärkt werden.