Start / Projekte
Tuesday, 2017-05-30

Ehrenamt: Drückt sich der Staat vor der Verantwortung?

Anlässlich der Eröffnung der neuen Praxisräume in Berlin hatten die Vereine Medizin Hilft und Ärzte der Welt am 22. Mai zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Unter der Leitfrage „Warum open.med Berlin?“ diskutierten Staatssekretär Boris Velter und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen.

Boris Velter eröffnete die Podiumsdiskussion anlässlich der Praxiseröffnung von open.med Berlin. Foto: Philipp Döring

Boris Velter eröffnete die Podiumsdiskussion anlässlich der Praxiseröffnung von open.med Berlin

Das Thema hatte über 100 Interessierte in den Sitzungssaal des Bezirksamtes Zehlendorf gelockt. Staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure äußerten sich zu der Frage, ob die ehrenamtliche medizinische Versorgung Gefahr läuft, staatliche Stellen aus ihrer Verantwortung zu entlassen.

Boris Velter, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, stellte gleich zu Beginn fest, dass die sozialen Akteure helfen, die Lücken des Staates zu schließen. Er bezeichnete es als skandalös, dass die staatlichen Verantwortlichen nicht stärker versuchten, diese Lücken zu schließen: „Es kann nicht darum gehen, dass sich der Staat langfristig zurückzieht. Es gibt kein höheres Gut als die Gesundheit der Menschen und die gilt es zu sichern.“

Als konkrete Maßnahmen nannte er den anonymen Krankenschein und den Aufbau von Clearingstellen, die Patient(inn)en beraten und ihnen helfen sollen, in das reguläre Gesundheitssystem (zurück)zugelangen. Boris Velter stellte aber auch klar, dass vor allem die Expertise der Ehrenamtlichen weiterhin benötigt werden wird.

Dr. Pia Skarabis-Querfeld, Vorsitzende von Medizin Hilft, wies darauf hin, dass Ehrenamtliche auf veränderte Situationen wie das plötzliche Eintreffen vieler Geflüchteter schnell und flexibel reagieren, hierfür sei der Staat oft zu langsam. Sie forderte allerdings, dass der Staat seine Spielräume nutzen und vor allem politischen Willen für positive Veränderungen zeigen müsse: „Menschen in Armut werden schneller krank und sterben früher. Damit dürfen wir uns nicht abfinden.“

Prof. Heinz-Jochen Zenker, Präsident von Ärzte der Welt, schloss sich dieser Forderung an. Gerade Geflüchtete ohne Papiere seien in einer schwierigen Situation. Eine anonyme Versorgung stehe ihnen oftmals nicht offen. „Gesundheitsversorgung darf nicht für die Migrationspolitik instrumentalisiert werden. Es findet seit Jahren eine Relativierung der Menschenrechte statt. Dagegen müssen wir uns wehren!“, lautete seine Mahnung.

Jessica Groß vom medibüro Berlin stellte heraus, dass Gesundheitsversorgung verlässlich sein müsse: „Ehrenamtliche Arbeit kann morgen wegbrechen – weil sich niemand mehr dafür findet oder keine Spendengelder mehr da sind.“ Die oft zitierte Lücke in der Gesundheitsversorgung sei eine politisch gewollte Ausgrenzung, die sich durch die jüngsten Gesetzesveränderungen noch verschärfe.

Dass es keine staatliche Versorgung ohne ehrenamtliches Engagement geben könne, stellte Andreas Beyer vom Gesundheitsamt Steglitz-Zehlendorf heraus: „Der Staat sind wir Bürger, deswegen soll und muss es auch ein ehrenamtliches Mitwirken geben. Das Ziel kann hier nur eine Kooperation zwischen Staat und Ehrenamtlichen sein.“

Beim Empfang in den neuen Praxisräumen wurde anschließend in heiter-gelöster Stimmung eifrig weiter diskutiert.

Die neue Adresse und die Öffnungszeiten von open.med Berlin finden Sie auf dieser Seite.

Spenden Sie jetzt