
Gesundheitsreport 2026
Krank und ohne medizinische Versorgung in Deutschland
Seit 2009 sollten in Deutschland alle Menschen krankenversichert sein. Trotzdem haben viele Menschen keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu regulärer Gesundheitsversorgung. Allein die open.med-Praxen und Behandlungsbusse von Ärzte der Welt in fünf deutschen Städten haben im Jahr 2025 über 2.500 betroffene Patient*innen aufgesucht. Die meisten von ihnen sind nicht krankenversichert. Viele leben in Armut, sind wohnungslos oder scheitern an bürokratischen Hürden.
Der Gesundheitsreport von Ärzte der Welt gibt Antworten. Auf Basis von Daten aus den open.med-Projekten macht er jährlich sichtbar, wo Versorgungslücken entstehen, welche Menschen betroffen sind und welche politischen Veränderungen notwendig wären, damit Gesundheit in Deutschland für alle möglich wird.
Die wichtigsten Zahlen aus unseren Projekten für 2025 auf einen Blick
2.502
Patient*innen
8.164
Konsultationen
874
Sprechstunden
106
Staatsangehörigkeiten
85 %
unversicherte Patient*innen
97 %
armutsbetroffene Patient*innen
87 %
wohnungslose Patient*innen
12 %
Kinder und Jugendliche
Hinter jeder Zahl steht ein Mensch mit einer eigenen Geschichte. Dieser Report erzählt ihre Realität – und zeigt, warum Handeln dringend notwendig ist.
Hilfsangebote für Menschen ohne Krankenversicherung
Es gibt zahlreiche Einrichtungen in Deutschland, die Menschen ohne Zugang zu regulärer Gesundheitsversorgung unterstützen, darunter auch die Praxen und Behandlungsbusse der open.med-Projekte von Ärzte der Welt. Die Einrichtungen versorgen und beraten die betroffenen Menschen und helfen ihnen dabei, krankenversichert zu werden oder zu erreichen, dass Behandlungskosten übernommen werden.
Die Angebote basieren oft auf ehrenamtlichem Engagement und Spenden und haben in der Regel nur begrenzte Kapazitäten und medizinische Versorgungsmöglichkeiten. Zudem sind sie nicht überall ausreichend vorhanden. Der öffentliche Gesundheitsdienst könnte einen wichtigen Beitrag leisten, diese Versorgungslücke zu schließen. Bisher haben aber nur wenige Gesundheitsämter solche Angebote geschaffen – zum Beispiel in Frankfurt am Main.
Des Weiteren gibt es Clearingstellen im Gesundheitsbereich und Einrichtungen, die anonyme Behandlungs- oder Krankenscheine ausstellen. Sie unterstützen betroffene Menschen dabei, krankenversichert zu werden oder Behandlungskosten erstattet zu bekommen. In der Regel sind sie durch öffentliche Gelder finanziert, oftmals aber unzureichend und befristet.

open.med-Projekte von Ärzte der Welt
Die Praxen und Behandlungsbusse der open.med-Projekte in Berlin, Hamburg, Magdeburg, München und Stuttgart bieten kostenlose medizinische Hilfe und soziale Beratung für Menschen ohne Krankenversicherung. Also für Menschen, die nicht zur Ärztin oder zum Arzt gehen können, wenn sie gesundheitliche Probleme haben.
Angebote der open.med-Projekte

- Die Angebote umfassen allgemeinmedizinische und fachärztliche Sprechstunden, zum Beispiel pädiatrische oder psychiatrische.
- Bei Bedarf überweisen wir die Patient*innen an weitere kooperierende Fachärzt*innen und bei Notfällen in die Klinik.
- In der Sozialberatung informieren wir die Patient*innen zu ihren Rechten im Gesundheitssystem, unterstützen sie dabei, (wieder) in eine Krankenkasse aufgenommen zu werden, und verweisen sie an weiterführende Hilfsangebote.
Wenn die Patient*innen das erste Mal zu open.med kommen, bieten wir ein Erstgespräch mit unseren Sozialberater*innen an. In dieser sogenannten Sozialanamnese erfragen die Mitarbeitenden unter anderem das Alter, die Wohnsituation, den Krankenversicherungsschutz und den Aufenthaltsstatus der Patient*innen. Diese Informationen nutzen wir, um die Patient*innen bestmöglich zu versorgen und uns dafür einzusetzen, dass sie in Zukunft (wieder) in eine reguläre Arztpraxis gehen können.


In den medizinischen Sprechstunden und weiterführenden Sozialberatungen dokumentieren wir zusätzliche Informationen, zum Beispiel zu den gesundheitlichen Versorgungsbedarfen der Patient*innen und Fortschritten bei deren (Wieder-)Aufnahme in eine Krankenkasse. Die gesammelten Informationen bilden die Grundlage für diesen Gesundheitsreport.
Wer nutzt unsere Angebote?
In den open.med-Projekten von Ärzte der Welt haben wir im Jahr 2025 insgesamt 2.502 Menschen versorgt und beraten. Dieser Gesundheitsreport basiert auf den Daten von 1.349 Patient*innen, die im Jahr 2025 erstmalig die open.med-Projekte in Berlin, Hamburg, Magdeburg oder München aufgesucht und der Nutzung ihrer Daten zugestimmt haben. Die Daten aus Stuttgart sind aus projektspezifischen Gründen nur bei den Gesamtzahlen zu Patient*innen und Konsultationen mit eingerechnet.
46 %
Frauen und Mädchen
12 %
Kinder und Jugendliche
106
Staatsangehörigkeiten
10 %
Deutsche Staatsangehörige
28 %
Staatsangehörige anderer EU-Länder
62 %
Drittstaatsangehörige
36 Jahre
Altersdurchschnitt
95
Schwangere
70
Kinder unter fünf Jahren
Die meisten Patient*innen leben in prekären Einkommens- und Wohnverhältnissen. Im Jahr 2025 waren fast alle neuen Patient*innen (97 %) von Armut betroffen. Das heißt, dass ihnen pro Monat weniger als 1.247 Euro zur Verfügung standen. Der Betrag entspricht der Armutsgefährdungsschwelle für Ein-Personen-Haushalte aus dem Jahr 2023. Etwa vier von fünf Patient*innen (79 %) hatten keine gesicherten Einkommensquellen. Sie bestritten ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Unterstützung von Verwandten oder Bekannten, irreguläre Arbeiten, karitative Einrichtungen, Ersparnisse, Flaschensammeln oder Betteln. 13 % lebten von Sozialleistungen und 8 % von einer regulären Arbeit, Rente oder Pension.

Als Ärzte der Welt fordern wir:
Alle in Deutschland lebenden Menschen müssen einen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung erhalten, ohne dabei in finanzielle Nöte zu geraten. Hierzu müssen unter anderem die Beitragssätze für einkommensschwache Selbständige, Familien und Selbstzahler*innen gesenkt und Zuzahlungen zu Medikamenten, Hilfsmitteln und Zahnersatz für einkommensschwache Personen abgeschafft werden.
Neun von zehn der neuen Patient*innen (87 %) waren wohnungslos, hatten also keinen mietvertraglich abgesicherten oder eigenen Wohnraum. 38 % der Patient*innen übernachteten bei Bekannten, Verwandten oder am Arbeitsplatz. Ein Viertel (26 %) hatte einen vorübergehenden Schlafplatz in einer Institution, beispielsweise in einer Unterkunft für Geflüchtete, in einer Wohnungslosenunterkunft oder in einem Frauenhaus. Etwa 23 % der Patient*innen waren obdachlos, übernachteten also auf der Straße oder in Notunterkünften.

Als Ärzte der Welt fordern wir:
Es müssen gesundheitsfördernde Lebensbedingungen für alle in Deutschland lebenden Menschen geschaffen werden. Insbesondere müssen Wohnungs- und Obdachlosigkeit überwunden und Lebensbedingungen in Sammelunterkünften verbessert werden.
Warum können Menschen in Deutschland nicht zum Arzt?
Es gibt viele Gründe, warum Menschen in Deutschland keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu gesundheitlicher Versorgung haben. Im Folgenden zeigen wir, mit welchen Barrieren die neuen open.med-Patient*innen aus dem Jahr 2025 konfrontiert waren und was getan werden muss, um diese abzubauen.
Die meisten Patient*innen (85 %) waren nicht krankenversichert. 12 % hatten einen eingeschränkten Krankenversicherungsschutz aufgrund von Beitragsschulden bei der Krankenkasse, Einschränkungen des Asylbewerberleistungsgesetzes oder Krankenversicherungen mit einem reduzierten Leistungskatalog. Hierzu gehören ausländische Versicherungen, Reise-, Auslands- und private studentische Versicherungen. 3 % der Patient*innen waren krankenversichert und konnten zum Beispiel aufgrund von Diskriminierung oder Sprachbarrieren keine reguläre Arztpraxis aufsuchen.

Als Ärzte der Welt fordern wir:
Alle in Deutschland lebenden Menschen müssen einen diskriminierungsfreien und bezahlbaren Zugang zu gesundheitlicher Versorgung erhalten.
Bestimmte Bevölkerungsgruppen haben in Deutschland keinen Anspruch auf Grundsicherung für Arbeitsuchende (§ 7 SGB II) und Sozialhilfe (§ 23 SGB XII). Sie können somit auch nicht über diese krankenversichert werden. Darüber hinaus sind bestimmte Personengruppen von der gesetzlichen Auffangversicherung (§ 5 SGB V) ausgeschlossen, die Menschen vor einem fehlenden Krankenversicherungsschutz schützen soll. Betroffen von den sozialrechtlichen Ausschlüssen sind vor allem EU-Bürger*innen, die erwerbslos oder nicht sozialversicherungspflichtig tätig sind und seit weniger als fünf Jahren in Deutschland leben. Im Jahr 2025 gehörte etwa ein Fünftel (21 %) der neuen Patient*innen in den open.med-Projekten zu dieser Personengruppe.
Als Ärzte der Welt fordern wir:
Sozialgesetze müssen so angepasst werden, dass alle in Deutschland lebenden Menschen Zugang zu existenzsichernden Leistungen und zur gesetzlichen Krankenversicherung erhalten.
Erwachsene geflüchtete Menschen haben in den ersten 36 Monaten in Deutschland in der Regel nur Anspruch auf eingeschränkte Gesundheitsleistungen nach § 4 AsylbLG. Diese umfassen die Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände, Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt sowie bestimmte Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen.
Weiterführende Behandlungen sind möglich, müssen in vielen Kommunen jedoch beantragt werden (§ 6 AsylbLG). Das kann zu bürokratischen Hürden, Wartezeiten und Unterversorgung führen – insbesondere an Orten, in denen Asylsuchende keine elektronische Gesundheitskarte erhalten, sondern Behandlungsscheine vom Sozialamt beantragen müssen. Mehrere Bundesländer, wie Berlin und Hamburg, haben die elektronische Gesundheitskarte bereits landesweit eingeführt. Darüber hinaus können sich ändernde Zuständigkeiten, beispielsweise von Sozialämtern zu Jobcentern, sowie teilweise mehrmonatige Wartezeiten auf Behandlungsscheine oder elektronische Gesundheitskarten dazu führen, dass Betroffene notwendige Gesundheitsleistungen nicht rechtzeitig erhalten.
Seit Oktober 2024 werden zudem sogenannte Dublin-Fälle – Geflüchtete, für deren Asylantrag ein anderer EU-Staat zuständig ist – weitgehend von den Leistungen des Asylbewerberleistungsgesetzes ausgeschlossen – mit erheblichen Folgen für die Betroffenen: Armut, Obdachlosigkeit, kein Zugang zu Gesundheitsversorgung. Obwohl zahlreiche Sozialgerichte und der Europäische Gerichtshof (EuGH) diese Regelung inzwischen als unionsrechtswidrig erkannt haben, verfestigt das seit Juni 2026 geltende Gemeinsame Europäische Asylsystem den Leistungsausschluss, nimmt den Anspruch auf Gesundheitsversorgung jedoch explizit aus.
Im Jahr 2025 waren 12 % der neuen Patient*innen in den open.med-Projekten geflüchtete Menschen.
Als Ärzte der Welt fordern wir:
Die Ausschlüsse und Einschränkungen des Asylbewerberleistungsgesetzes müssen abgeschafft werden, sodass geflüchtete Menschen direkten Zugang zu einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung bekommen.
Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus haben nach dem Asylbewerberleistungsgesetz einen Anspruch auf eingeschränkte Gesundheitsleistungen (§§ 1 und 4 AsylbLG). Aufgrund der gesetzlichen Übermittlungspflicht (§ 87 AufenthG, § 11 AsylbLG) können sie diesen jedoch nicht geltend machen, ohne Haft oder Abschiebung zu riskieren. Denn Sozialämter sind verpflichtet, Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus an die zuständige Ausländerbehörde zu melden, sobald sie eine Kostenübernahme für medizinische Leistungen beantragen. Aus Angst vor den Folgen verzichten viele Betroffene deshalb auf medizinische Hilfe. Im Jahr 2025 hatten 22 % der neuen Patient*innen in den open.med-Projekten keinen geregelten Aufenthaltsstatus.
Als Ärzte der Welt fordern wir:
Die gesetzliche Übermittlungspflicht muss so angepasst werden, dass Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus medizinische Hilfe in Anspruch nehmen können, ohne Haft oder Abschiebung zu riskieren.
Krankenversicherte Menschen, die mit ihren Beiträgen zwei Monate im Rückstand sind, haben oft keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu gesundheitlicher Versorgung. Zum einen ruht ihr Leistungsanspruch (§ 16 SGB V) und sie haben in der Regel nur Anspruch auf die Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände, auf Untersuchungen zur Früherkennung bestimmter Krankheiten sowie auf Leistungen bei Schwangerschaft und Mutterschaft. Zum anderen kann es sein, dass die elektronische Gesundheitskarte gesperrt wird, Ersatzbescheinigungen bei der Krankenkasse beantragt werden müssen oder die Betroffenen nicht ausreichend über ihre Leistungsansprüche und die notwendigen Schritte, diese geltend zu machen, informiert sind. Darüber hinaus kommt es vor, dass Personen mit Beitragsschulden, die sechs Monate keine Leistungen beanspruchen und postalisch nicht erreichbar sind, von der Krankenkasse abgemeldet werden. Im Jahr 2025 waren 5 % der neuen Patient*innen in den open.med-Projekten von einem ruhenden Leistungsanspruch betroffen.
Als Ärzte der Welt fordern wir:
Krankenkassen müssen Mitgliedern mit Beitragsschulden bezahlbare Ratenzahlungsvereinbarungen anbieten, sie über ihre Leistungsansprüche informieren und ihre elektronische Gesundheitskarte nutzbar halten.
Unzureichende Sprachkenntnisse und fehlende Sprachmittlungsangebote können dazu führen, dass Menschen auf notwendige medizinische Hilfe verzichten. Im Jahr 2025 benötigten 76 % der neuen Patient*innen in den open.med-Projekten eine Sprachmittlung. Bisher gibt es keinen gesetzlichen Anspruch auf Sprachmittlung.
Als Ärzte der Welt fordern wir:
Ein Anspruch auf Sprachmittlung bei medizinischen Behandlungen muss gesetzlich verankert werden, analog zum Anspruch auf Gebärdensprachdolmetschen.
Komplizierte und langwierige Prozesse sowie unklare Zuständigkeiten und fehlende Absprachen bei Krankenkassen und Behörden können dazu führen, dass Menschen keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu regulärer Gesundheitsversorgung haben. Zum Beispiel wenn geflüchtete Menschen mehrere Monate auf ihre elektronische Gesundheitskarte oder ihren Behandlungsschein warten müssen. Oder wenn Menschen aufgrund komplizierter Formulare und fehlender Unterstützungsangebote keine Sozialhilfe beantragen und somit auch nicht über diese krankenversichert werden können. Im Jahr 2025 berichteten 29 % der neuen Patient*innen in den open.med-Projekten, dass sie administrative Probleme oder Schwierigkeiten mit dem Sozialamt oder der Krankenkasse als Barriere im Zugang zu medizinischer Versorgung erlebt haben.
Als Ärzte der Welt fordern wir:
Bürokratische Prozesse in Krankenkassen und Behörden müssen vereinfacht und beschleunigt, Zuständigkeiten eindeutig geregelt und niedrigschwellige Unterstützungsangebote flächendeckend etabliert werden.
Diskriminierung und Stigmatisierung, zum Beispiel aufgrund von Obdachlosigkeit, Hautfarbe oder geschlechtlicher Identität, können dazu führen, dass Menschen auf gesundheitliche Versorgung verzichten oder sie ihnen verwehrt wird, obwohl sie diese benötigen. Die neuen Patient*innen aus dem Jahr 2025 berichteten regelmäßig von Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen, die sie am Zugang zu medizinischer Versorgung hinderten.
Als Ärzte der Welt fordern wir:
Einrichtungen des Gesundheitswesens müssen Maßnahmen gegen Diskriminierung umsetzen. Hierzu gehören zum Beispiel Antidiskriminierungstrainings, Ombudspersonen und niedrigschwellige Meldesysteme.
Welche gesundheitlichen Versorgungsbedarfe haben die Betroffenen?
Die Patient*innen in den open.med-Projekten haben grundsätzlich die gleichen gesundheitlichen Bedarfe wie Patient*innen in regulären Arztpraxen. Hierzu gehören die Diagnostik und Behandlung nicht-übertragbarer und übertragbarer Erkrankungen, die Versorgung von Verletzungen und Vergiftungen sowie präventive Leistungen wie Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen. Allerdings beobachtet Ärzte der Welt regelmäßig, dass Patient*innen aufgrund von Barrieren im Zugang zu gesundheitlicher Versorgung auf benötigte Hilfe verzichten, diese erst spät in Anspruch nehmen oder nur unzureichend versorgt werden.
„Im Vergleich zu versicherten Patient*innen in der Klinik, stelle ich bei Patient*innen, die zu open.med kommen, häufiger Erkrankungen fest, die unzureichend versorgt oder nicht diagnostiziert wurden.“
Ehrenamtliche Ärztin von open.med Berlin-Lichtenberg
Im Jahr 2025 berichteten 71 % der neuen Patient*innen, die Angaben dazu machten, dass sie in den vergangenen 12 Monaten auf medizinische Hilfe verzichtet haben, obwohl sie diese benötigten. Auch die negativen gesundheitlichen Auswirkungen prekärer Lebensverhältnisse werden bei den Patient*innen sichtbar, zum Beispiel bei Erkrankungen, die durch Obdachlosigkeit oder der Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften begünstigt werden.
„Bei obdachlosen Patient*innen sehen wir Krankheitsbilder wie Parasitenbefall, schlecht heilende Wunden, Infektionen, Hautkrankheiten, aber auch chronische Krankheiten, die Folge von schlechter Ernährung, Witterungseinflüssen oder psychischer Überlastung sind.“
Ehrenamtliche Ärztin von open.med München
Die gesundheitlichen Bedarfe der Patient*innen aus den open.med-Projekten wurden anhand der ärztlich dokumentierten ICD-10-Diagnoseschlüssel aus den Erstvisiten der neuen Patient*innen aus dem Jahr 2025 ausgewertet.





Nicht-übertragbare Erkrankungen wurden bei 60 % der Patient*innen diagnostiziert. Am häufigsten betroffen waren das Herz-Kreislauf-System (12 %), das Muskel-Skelett-System (9 %), das Verdauungssystem (9 %), das Urogenitalsystem (8 %), das Stoffwechselsystem (6 %) und die Haut (6 %). Psychische Erkrankungen wurden bei 9 % der Patient*innen dokumentiert. Häufig werden diese aber erst in Folgevisiten diagnostiziert und sind deswegen unterrepräsentiert. Gleiches gilt für alle Erkrankungen, die eine umfassende Diagnostik erfordern, zum Beispiel Krebserkrankungen.
Übertragbare Krankheiten wurden bei 20 % der Patient*innen diagnostiziert. Am häufigsten waren akute Atemwegserkrankungen (10 %) und andere infektiöse oder parasitäre Erkrankungen (9 %). Von Verletzungen oder Vergiftungen waren 8 % der Patient*innen betroffen. Dabei handelte es sich meistens um offene Wunden, Stich- und Schnittverletzungen sowie um Frakturen, Prellungen und Verstauchungen.
Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen wurden von 14 % der Patient*innen in der Erstvisite in Anspruch genommen. Dazu gehörten vor allem Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere sowie Gesundheitsuntersuchungen und Impfungen für Kinder. Insgesamt haben die Ärzte der Welt-Teams in den Erstvisiten 95 schwangere Frauen und 70 Kinder unter fünf Jahren versorgt. 60 % der Schwangeren kamen erst nach der zwölften Schwangerschaftswoche das erste Mal zu open.med.
Der Weg in das reguläre Gesundheitssystem
Neben der gesundheitlichen Versorgung und Beratung der Patient*innen ist es das Ziel der open.med-Projekte, die Patient*innen in das reguläre Gesundheitssystem zu integrieren. Die Angebote von open.med können jedoch kein adäquater Ersatz für eine reguläre Versorgung sein. Insbesondere Menschen mit Erkrankungen, die mit hohen Therapie- und Behandlungskosten einhergehen, können nur ausreichend versorgt werden, wenn sie einen Krankenversicherungsschutz haben. Aufgrund der aktuellen gesetzlichen Regelungen ist eine Integration in das reguläre Gesundheitssystem jedoch nicht bei allen Patient*innen möglich. Und der Aufwand, der dafür anfällt, ist meistens erheblich.
Die open.med-Teams informieren die Patient*innen darüber, ob sie in das reguläre Gesundheitssystem integriert werden können und welche Schritte dafür nötig sind. Darüber hinaus unterstützen sie dabei, mit Behörden und Krankenkassen zu kommunizieren sowie die benötigten Dokumente zusammenzustellen. Es kann mehrere Monate dauern, bis die Patient*innen (wieder) versichert sind. Ohne Unterstützung gelingt dies Betroffenen nur selten.

„Häufig stellen sich die Patient*innen erst bei uns vor, wenn die gesundheitlichen Beschwerden sehr groß sind und eine hohe Dringlichkeit für eine Krankenversicherung besteht. Dennoch dauert es immer wieder mehrere Wochen bis Monate, bis die Krankenversicherung voll aktiviert ist.“
Annemarie Weber, Projektleitung open.med München
Im Jahr 2025 hat Ärzte der Welt in den open.med-Projekten in Berlin, Hamburg, Magdeburg und München, neben den Beratungen bei der Erstvorstellung, 439 Patient*innen in 790 weiterführenden Sozialberatungen unterstützt. Aus Stuttgart können hierzu aus projektspezifischen Gründen keine Daten einbezogen werden. Bei 136 Patient*innen konnte eine Eingliederung in das reguläre Gesundheitssystem dokumentiert werden. Dabei ist zu beachten, dass nicht für alle Patient*innen aktuelle Informationen zum Versicherungsstatus vorliegen und viele Patient*innen aufgrund gesetzlicher Barrieren nicht in das Regelsystem integriert werden können.
790
Sozialberatungen
439
Patient*innen
136
Integrationen
Wenn Patient*innen Unterstützung brauchen, die wir in den open.med-Praxen nicht leisten können, verweisen wir die Patient*innen nach Möglichkeit an andere Stellen weiter. Hierzu gehören Clearingstellen, die bei der (Re-)Integration in das reguläre Gesundheitssystem helfen, und Institutionen, die Unterstützung bei psychosozialen, aufenthaltsrechtlichen oder sozialen Themen bieten.
Was muss getan werden, um die Versorgungslücken in Deutschland zu schließen?
Alle Menschen in Deutschland müssen medizinische Versorgung in Anspruch nehmen können, ohne Diskriminierung und ohne in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Dazu müssen nicht nur Versorgungsangebote ausgebaut, sondern auch bürokratische Hürden oder gesetzliche Barrieren abgebaut und Bedingungen geschaffen werden, die allen hierzulande ein gesundes Leben ermöglichen. Alle Menschen in Deutschland sollten teilhaben können an einem Gesundheitssystem, das sich am tatsächlichen Bedarf der Menschen orientiert, niedrigschwellig und ohne Diskriminierung.

Ihre Unterstützung – was Sie jetzt tun können
Spenden mit Vertrauen:
Dank an Unterstützer*innen
Der Gesundheitsreport von Ärzte der Welt wurde ermöglicht durch die Unterstützung unserer Patient*innen, der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kolleg*innen, unserer Kooperationspartner Ambulante Hilfe e. V. und hoffnungsorte hamburg, des Instituts für Infektions- und Tropenmedizin des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und der Deutschen Postcode Lotterie. Ihnen und allen Spender*innen und Unterstützer*innen von Ärzte der Welt gilt unser herzlicher Dank.
Frühere Printberichte
Häufige Fragen zu unserer Hilfe in Deutschland
Die Gründe sind vielfältig: Viele deutsche Patient*innen arbeiten als Selbstständige und sind privat versichert. Ist ihr Einkommen zu gering, können sie die Beiträge oft nicht mehr zahlen und verschulden sich. Bei hohen Schulden übernimmt die Krankenversicherung nur noch im Notfall die Kosten für medizinische Behandlungen.
Auch Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus haben meist keinen oder nur eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem. Häufig meiden sie den Arztbesuch, weil sie zuvor einen Krankenschein beim Sozialamt beantragen müssten. Dieses ist jedoch verpflichtet, die betreffende Person der Ausländerbehörde zu melden – woraufhin die Abschiebung droht.
Außerdem sind erwerbslose EU-Bürger*innen, die seit weniger als fünf Jahren in Deutschland leben, laut Gesetz von der Sozial- und Krankenversicherung ausgeschlossen.
Offiziell sind etwa 72.000 Menschen nicht versichert. Die Dunkelziffer der Betroffenen liegt jedoch weitaus höher, denn Personen ohne geregelten Aufenthaltsstatus oder Wohnungslose ohne Meldeadresse werden statistisch nicht erfasst.
Ärzte der Welt geht von mehreren hunderttausend Menschen aus, die keine Krankenversicherung oder einen nur eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem haben.
Laut Asylbewerberleistungsgesetz haben Asylbewerber*innen Anspruch auf Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände, auf Impfungen sowie Schwangerschaftsvorsorge, Geburtsheilkunde und U-Untersuchungen für Kinder. Darüberhinausgehende Leistungen müssen gesondert beim Sozialamt beantragt werden. In einigen Bundesländern erhalten Asylsuchende in den ersten drei Jahren ihres Aufenthalts in Deutschland beispielsweise keine Krankenversicherungskarte, sondern müssen erst einmal einen Behandlungsschein vom Sozialamt besorgen, mit dem sie dann in die ärztliche Praxis gehen dürfen. Diese bürokratischen Hürden und Einschränkungen im Leistungsanspruch verhindern in vielen Fällen, dass Geflüchtete und Asylsuchende rechtzeitig die Behandlung bekommen, die sie benötigen.
Darunter versteht man die Behandlung gesundheitlicher Probleme und Beschwerden, wie sie in der Regel von Allgemeinmediziner*innen geleistet wird. Sie umfasst vor allem:
- die Behandlung von häufigen oder weniger schweren Erkrankungen wie Erkältungen, Verletzungen oder leichten Schmerzen,
- Vorsorgeuntersuchungen zur frühzeitigen Erkennung von Krankheiten, z.B. Blutdruckmessung oder Impfungen,
- Medikamentenversorgung bei häufigen Krankheiten wie Kopfschmerzen oder Allergien.
Regulär krankenversichert zu sein – dieses Ziel möchten wir für unsere Patient*innen erreichen. Deshalb beraten wir auch in sozialrechtlichen Fragen, um bei der (Wieder-)Eingliederung ins Gesundheitssystem zu unterstützen.
Enger Kooperationspartner sind dabei die kommunalen Clearingstellen. Sie beraten Betroffene ohne ausreichenden Versicherungsschutz und übernehmen zum Teil auch Kosten für dringende medizinische Behandlungen. Flächendeckend ist das Angebot an Clearingstellen in Deutschland jedoch noch nicht. Mehr Infos: anonymer-behandlungsschein.de
In den Teams arbeiten und Haupt- und Ehrenamtliche eng zusammen. Insgesamt sind in den open.med-Anlaufstellen 15 Mitarbeiter*innen hauptamtlich beschäftigt. Freiwillig engagieren sich über 160 Menschen. Darunter sind Ärzt*innen und Medizinstudierende, Patientenbetreuer*innen und Dolmetscher*innen. Die Zahlen zeigen: Ohne die Ehrenamtlichen wäre die Arbeit von Ärzte der Welt undenkbar!
Bleiben wir in Kontakt
Haben Sie Fragen oder Anmerkungen zum Gesundheitsreport von Ärzte der Welt? Zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren. Wir sind für Sie da.


















