MdM Koordinatorin Cécile Yougbaré über die Lage in der Sahelzone.
Briefing der Mitglieder des UN-Sicherheitsrats über die Lage in der Sahelzonevon W. Cécile Thiombiano/Yougbaré, Advocacy-Koordinatorin für Rechte und sexuelle und reproduktive Gesundheit Afrika, Ärzte der Welt Frankreich.
Mitglied der Bürgerkoalition für die Sahelzone (Citizen Coalition for the Sahel)
Montag, 10. Januar 2022
Vielen Dank, Frau Präsidentin, liebe Mitglieder des Rates,
ich möchte die Gelegenheit des neuen Jahres nutzen, um Ihnen meine besten Wünsche zu schicken.
Zunächst möchte ich Ihnen und insbesondere der norwegischen Ratspräsidentschaft für die Einladung der Citizen Coalition for the Sahel (Bürgerkoalition für die Sahelzone) und die Gelegenheit danken, über die Auswirkungen der Krise in der Sahelzone zu berichten.
Ich spreche hier als Bürgerin von Burkina Faso, einem Land, das sich derzeit leider im Zentrum einer beispiellosen Eskalation der Gewalt befindet, und als Mitglied der Organisation Ärzte der Welt, die Teil der Citizen Coalition for the Sahel ist.
Unsere Bürgerkoalition entstand aus der Erkenntnis, dass die seit 2013 verfolgte Strategie, mit der versucht wurde, der Gewalt ein Ende zu setzen, nicht dazu geführt hat, die Stabilität in unsere Region zurückzubringen. Im Gegenteil: Jedes Jahr versinkt die Sahelzone tiefer in einer Krise, deren erstes Opfer die Bevölkerung ist.
Im Jahr 2021 wurden in Mali, Burkina Faso und Niger mehr als 800 Zivilist*innen bei Angriffen getötet, die nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen zugeschrieben wurden. Weitere Zivilist*innen starben bei Übergriffen, die den Verteidigungs- und Sicherheitskräften angerechnet werden, die zwar rückläufig sind, aber nicht vollständig eingestellt wurden. Die Gewalt wird auch durch die Zunahme von Bürgerwehren angeheizt.
Die Bevölkerung ist erschöpft und die Folgen sind katastrophal: In Burkina werden bis 2022 schätzungsweise 8 Millionen Menschen direkt von der Schließung oder Einschränkung der Grundversorgung betroffen sein, während 1,5 Millionen Menschen bereits gezwungen waren, auf der Suche nach Sicherheit aus ihren Heimatorten zu fliehen.
Als humanitäre Helferin beobachte ich jeden Tag die verheerenden Auswirkungen:
– den fehlenden Zugang zur Gesundheitsversorgung
– die Ernährungsunsicherheit, die 2021 viermal so hoch ist wie 2020 erwartet
– 500.000 Kinder, die die Schule abgebrochen haben
– die Explosion der geschlechtsspezifischen Gewalt gegen Frauen und Mädchen
In Burkina sind 53 Prozent der Binnenvertriebenen Frauen. Von diesen Frauen geben drei von vier an, Überlebende von Gewalt zu sein. Unsere medizinischen Teams stellen bei ihren Einsätzen mit den mobilen Kliniken von Ärzte der Welt einen Anstieg der Vergewaltigungen fest.
Wir haben gesehen, wie eine Frau, die wegen der Gewalt dreimal vertrieben worden war, stumm zu unseren medizinischen Teams kam, ihre Gliedmaßen nicht mehr unter Kontrolle hatte, extrem abgemagert war und nicht aufhören konnte zu weinen.
Wir haben ein 16-jähriges Mädchen gesehen, das bei einem Angriff bewaffneter Männer auf ihr Dorf vergewaltigt wurde und keine ausreichende medizinische und psychologische Versorgung bekommen konnte.
Wir haben so viele Fälle von Depressionen, Selbstmordgedanken und Schlaflosigkeit gesehen, dass unsere Kolleg*innen sie nicht mehr zählen können, die aber allesamt typische Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung sind. Die Patient*innen sind in der überwiegenden Mehrheit der Fälle Frauen.
Als humanitäre Gesundheitsorganisation sind wir besonders besorgt über die Angriffe auf die Gesundheitsversorgung. Allein im Jahr 2020 wurden in Burkina Faso 25 Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens getötet und sechs entführt oder verletzt.
Was mich auch beunruhigt, ist, dass ich nach der Angst und der Hilflosigkeit der Gemeinschaften nun Wut aufkommen sehe, die sich gegen die nationalen Behörden und auch gegen Länder richtet, die in der Region militärisch präsent sind, wie beispielsweise Frankreich.
Ich habe mich gefragt: Wie konnte es so weit kommen?
Weil die Prioritäten nicht in der richtigen Reihenfolge gesetzt wurden. Die Sicherheitsmaßnahmen, so wie sie durchgeführt wurden, haben die Bedürfnisse der Bevölkerung nicht ausreichend berücksichtigt.
Um dieser Stimme der Zivilbevölkerung Gehör zu verschaffen, haben wir uns mit 55 anderen, sehr unterschiedlichen Organisationen zusammengeschlossen und die Bürgerkoalition für den Sahel gegründet. Unsere Organisationen kommen hauptsächlich aus Mali, Burkina Faso und Niger, aber es gibt auch regionale Gruppen und internationale NGOs wie Ärzte der Welt.
Was uns eint, ist die Feststellung, dass die Strategie der totalen Sicherheit versagt hat und dass wir unseren Ansatz radikal ändern müssen. Und das muss sofort geschehen.
Wie sieht dieser neue Ansatz aus, zu dessen Umsetzung wir Sie auffordern? Er beruht auf vier Aspekten und jeder von ihnen ist eine Handlungsaufforderung. Wir haben sie im April dieses Jahres in dem Bericht „Sahel: Was sich ändern muss“ vorgestellt.
Sehr geehrte Diplomaten!
Es ist die gesamte internationale Gemeinschaft, angefangen bei den Mitgliedern dieses Rates, die sich damit befassen muss. Deshalb richte ich sie heute direkt an Sie.
- Zunächst einmal müssen die Sahel-Staaten und die internationale Gemeinschaft die Zivilist*innen in den Mittelpunkt der Reaktion auf die Krise stellen. Bei politischen Entscheidungen und militärischen Operationen muss der Schutz der Zivilbevölkerung Vorrang haben.
Dazu müssen die sahelischen und internationalen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte bei der Durchführung ihrer Militäroperationen zu mehr Transparenz und Rechenschaft verpflichtet werden. - Es muss ein ganzheitlicher Ansatz sichergestellt werden, der die eigentlichen Ursachen der Krise bekämpft. Eine Anti-Terrorismus-Reaktion allein ist zum Scheitern verurteilt.
Dafür wird es auch notwendig sein, dass Mitglieder dieses Rates, wie Frankreich, die Gesellschaften in der Sahelzone entscheiden lassen, was sie wollen.
Der Wunsch der Zivilgesellschaften muss umgesetzt werden, den Dialog zwischen den Parteien zu einem wesentlichen Element bei der Lösung der aktuellen Krise zu machen. - Reagieren Sie auf die humanitäre Notlage.
Es muss unbedingt sichergestellt werden, dass die Finanzierung dem Bedarf entspricht und der humanitäre Zugang niemals behindert wird. Dies ist besonders entscheidend für Frauen und Mädchen. Wir wissen, dass 60 Prozent der Müttersterblichkeit in Krisensituationen vermeidbar sind.
Eine Mindestversorgung für Notfälle im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit muss finanziert und umgesetzt werden, um einen effektiven Zugang zu umfassenden Gesundheitsdiensten zu ermöglichen.
Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, wie wichtig es für alle ist, das humanitäre Völkerrecht und die Grundsätze der Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit der Akteure der Entwicklungszusammenarbeit zu respektieren und umzusetzen. Diese Grundsätze sind nicht nur Konzepte, sie retten Leben, die Leben von Zivilist*innen, der humanitären Helfer*innen und des Gesundheitspersonals, die in der ersten Reihe stehen, um Menschen zu versorgen. - Bekämpfen Sie die Straflosigkeit. Denn Straflosigkeit nährt den Kreislauf der Gewalt und begünstigt die Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen. Solange es sie gibt, wird es unmöglich sein, das Vertrauen zwischen der Bevölkerung und den Regierungen wiederherzustellen. Dieses Vertrauen ist jedoch entscheidend für die Lösung der Krisen in der Sahelzone.
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Als Burkinabé läuft es mir kalt den Rücken hinunter, wenn ich diese Eskalation der Gewalt beobachte, die mein Land zu einem Schauplatz großer Krisen macht. Und ich hoffe, dass es auch Ihnen, den hohen Diplomaten des Rates, so geht, denn diese Tatsachen, Lebensumstände und Erlebnisse der Menschen in den Sahel-Ländern sind Ihnen bekannt!
Wir fordern, dass die nächsten Mitteilungen des Sicherheitsrats diese Realität widerspiegeln und betonen, dass der Kampf gegen den Terrorismus nicht auf Kosten des Schutzes der Zivilbevölkerung gehen darf.
Meine Damen und Herren, die Menschen in der Sahelzone sind darauf angewiesen, dass der Sicherheitsrat die Stimme der sahelischen Zivilgesellschaft hört und sie in den Mittelpunkt seiner Reaktion auf die Krise stellt.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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