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Thursday, 2015-12-03

Syrien: Das leise Sterben

Dezember 2015. Nach fast fünf Jahren Krieg ist das ehemals vorbildliche Gesundheitssystem in Syrien fast überall zusammengebrochen. Neben der direkten medizinischen Hilfe unterstützt Ärzte der Welt im Rahmen von sogenannten Help inside-Programmen von der Türkei, dem Libanon und Jordanien aus einheimische Partner und Ärzte. Unter schwierigsten Bedingungen halten sie die medizinische Versorgung aufrecht.

Die Versorgung mit medizinischem Material wie Spritzen oder Verbänden ist ein großes Problem im syrischen Kriegsgebiet. So gut es geht, sorgt Ärzte der Welt für geregelten Nachschub. Foto: Mohammed Wesam

Die Versorgung mit medizinischem Material wie Spritzen oder Verbänden ist ein großes Problem im syrischen Kriegsgebiet. So gut es geht, sorgt Ärzte der Welt für geregelten Nachschub.

Da Ärzte der Welt bereits viele Jahre vor dem Krieg im Norden Syriens tätig war, konnte das Help inside-Programm mit Hilfe der ehemaligen Kontakte aufgebaut werden. Die im Land ausharrenden Mediziner behandelten von Januar bis September dieses Jahres fast 400.000 Patienten in 26 medizinischen Einrichtungen – Basisgesundheitsposten, provisorischen Krankenstationen oder Krankenhäusern.
„Man denkt immer zuerst an die Kriegsverletzungen, an die Wunden und Schmerzen, die durch den Krieg verursacht werden“, sagt Francesco Volpicella, Regional-Verantwortlicher von Ärzte der Welt für die Krisenregion Syrien. „Aber es ist auch das leise Sterben, das uns große Sorgen macht: der Diabetiker, der nicht mehr an seine Medikamente kommt, die Frau, die eine Lungenentzündung hat und nicht weiß, woher sie Antibiotika erhalten soll. Problematisch ist die Situation für viele Schwangere, für die unklar ist, ob sie zur Geburt ihres Kindes rechtzeitig in eine Gesundheitsstation kommen oder die nicht wissen, ob der Ort, wo sie leben, in naher Zukunft überhaupt noch existiert. Die Kaiserschnittrate ist deshalb drastisch gestiegen, weil die Frauen auf Nummer Sicher gehen wollen. Schlecht ist es auch um all die Kinder bestellt, die nicht mehr versorgt sind und für die Bagatellkrankheiten zur Lebensgefahr werden.“

Arbeitsfähig – trotz des Krieges
Zur immer größeren Herausforderung wird die Logistik: Ärzte der Welt organisiert auf komplizierten Wegen und mit Hilfe von humanitären und kommerziellen Transportunternehmen den Nachschub an Medikamenten und medizinischem Material wie Spritzen, Kathetern, Drainagesystemen oder Verbandsmaterial. Um die knappen Ressourcen zielgerichtet einsetzen zu können, hält Ärzte der Welt auch unter Kriegsbedingungen ein systematisches medizinisches Informationssystem aufrecht: So werden sowohl die Patientendaten erhoben als auch der Bestand an medizinischen Einrichtungen und ihrer Ausstattung festgestellt und regelmäßig an eine zentrale Stelle weitergegeben.

„Manchmal erhalten wir die Daten handgeschrieben und als Foto übermittelt, manchmal ordentlich getippt und als Datei über Skype oder E-Mail geschickt“, erläutert Francesco Volpicella. „Alle Beteiligten sind sich der großen Bedeutung der Datenerhebung bewusst. So sollte man zum Beispiel an Orte, wo es keinen Strom und damit auch keine Kühlmöglichkeiten gibt, keine Impfstoffe schicken“.
Wegen der verstärkten Kampfhandlungen sind die Arbeitsbedingungen für die Ärzte und das medizinische Personal in den letzten Monaten noch dramatischer geworden. Laut der Organisation „Physicians for Human Rights“ haben auch gezielte Angriffe auf medizinische Einrichtungen zugenommen. Das führt dazu, dass immer mehr medizinisch qualifizierte Menschen fliehen – mit dramatischen Folgen für die 13,5 Millionen Frauen, Männer und Kinder, die in Syrien auf medizinische Versorgung angewiesen sind. Ärzte der Welt hat seit 2013 zusammen mit anderen humanitären Organisationen immer wieder an die Konfliktparteien appelliert, die Gefechte einzustellen oder zumindest die Regeln des humanitären Völkerrechts einzuhalten. Die internationale Gemeinschaft ist dringend dazu aufgefordert, die humanitäre Hilfe auszuweiten, denn ein Ende der Kämpfe ist weiterhin nicht in Sicht.

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