Geflüchtete Frauen im Nordosten Syriens sitzen mit einer Psychologin von Ärzte der Welt zusammen.

Syrien:
Hoffnung trotz ungewisser Zukunft

Unser Kollege Humam Dawood stammt aus Syrien. Ende letzten Jahres konnte er sein Heimatland besuchen und schildert uns im Interview seine Eindrücke.

Humam, welche Situation hast Du vorgefunden, als Du in Syrien warst?

Obwohl ich selbst vor Ort war, ist das schwer zu beschreiben. Es ist je nach Region und selbst je nach Stadt sehr unterschiedlich. Die Situation ist sehr komplex.

Immer mehr vom Krieg vertriebene Syrer*innen kehren zurück an ihre Heimatorte.

Ja, in letzter Zeit sind etwa drei Millionen Menschen zurückgekommen. Von diesen sind fast 1,7 Millionen intern Vertriebene, die also innerhalb des Landes fliehen mussten. Etwa 1,2 Millionen sind aus der Türkei, dem Libanon und Jordanien, einige auch aus Ägypten zurückgekehrt.

Es gab und gibt große Schwierigkeiten für die Geflüchteten in der Türkei und im Libanon, deswegen haben sich viele gezwungen gesehen, zurückzugehen – trotz der teils desolaten und sehr unsicheren Umstände, die sie in Syrien vorfinden.

Es gab in den deutschen Medien viele Bilder völlig zerstörter Städte.

Es ist unglaublich, wie viel wieder aufgebaut und repariert werden muss. Die Infrastruktur liegt größtenteils in Trümmern, und somit ist es für die Rückkehrenden sehr herausfordernd, mit allem zurechtzukommen.

Hinzu kommen aber noch viele weitere Aspekte. Die schlechte Sicherheitslage zum Beispiel. Oder, dass es kaum Schulen gibt. Die wenigen funktionierenden Schulen sind übervoll mit Kindern, und es gibt beispielsweise keine Tische, weil diese gestohlen worden sind. Und es fehlt an Trinkwasser, Essen und Kleidern für die Kinder.

Ob man zurück in seine Heimat gehen kann, hängt auch davon ab, wo man überhaupt leben kann, wenn so viel zerbombt ist. Ein Zelt ist kein Zuhause. Wie kann man mit extrem begrenzten Materialien und Möglichkeiten wieder eine Heimat, ein Zuhause aufbauen?

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Trotz der schlechten Sicherheitslage sind die Teams von Ärzte der Welt weiterhin in Syrien tätig, vor allem in der Region Aleppo, in Idlib und im Nordost-Syriens.
Für Tausende Menschen bieten wir dort eine medizinische Grundversorgung an.


Da stellt sich auch die Frage nach der Gesundheitsversorgung.

Das ist eine enorme Herausforderung. Medizinische Infrastruktur ist in weiten Teilen des Landes kaum mehr vorhanden oder so begrenzt, dass bei weitem nicht alle Menschen angemessen versorgt werden können.

Wie ist die wirtschaftliche Situation?

Viele Syrer*innen kommen nur deshalb über die Runden, weil sie Verwandte im Ausland haben, die sie unterstützen. Denn selbst wenn man einen guten Job mit einem normalen Gehalt hat, verdient man nur etwa 30 Euro im Monat. Die Menschen sind also auf finanzielle Hilfe von außerhalb angewiesen.

Die Dinge entwickeln sich weiter. Aber viele dieser Veränderungen brauchen Zeit. Vor allem, weil das Land für über fünf Jahrzehnte vor allem durch Korruption und Unterdrückung geprägt war.

Wie war es für Dich persönlich?

Bis 2016 hatte ich die meiste Zeit in einer belagerten Region gelebt, bis wir gezwungen waren, in den Norden Syriens zu fliehen. Ich habe dort als Arzt in einem Feldlazarett gearbeitet. Jetzt, nach all den Jahren, wieder in meine Heimatregion zurückzukehren, fühlte sich wie ein Traum an.

Dennoch sehe ich natürlich die Probleme im Land, vor allem im Nordosten Syriens. Dort, nahe dem Kurdengebiet, leben viele Minderheiten und sehr viele Geflüchtete. Letztere sind oft mehrfach vertrieben worden und können aufgrund der Sicherheitssituation nirgendwo anders hin.

Es braucht wohl noch viel Zeit und Engagement, um Vertrauen aufzubauen, bis man irgendwann friedlich leben und zusammenarbeiten kann.

Humam Dawood, Fachberater Gesundheit / Health Advisor bei Ärzte der Welt

Anfang 2025 hatten wir schon einmal mit Humam Dawood zur damaligen Situation in Syrien gesprochen. Lesen Sie hier das Interview vom Januar 2025.

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