Deutschland: Sprechstunde bei open.med München mit ehrenamtlicher Ärztin, einer Mutter und ihrem Baby.

Deutschland:
Solidarität in der Krise?

Seit 25 Jahren leistet Ärzte der Welt medizinische Hilfe und kämpft gleichzeitig für politische Veränderungen. Unsere Leiterin Advocacy, Dr. Johanna Offe, über Solidarität und warum wir alle davon profitieren.

(Der Text ist eine leicht gekürzte und redaktionelle Version eine Rede, die Johanna Offe auf unserer Berliner Jubiläumsveranstaltung im November 2025 gehalten hat.)

Unsere Jubiläumsveranstaltung trägt den Titel Solidarität in der Krise. Denn die Verbindung von Projektarbeit mit dem Kampf für strukturelle Veränderungen ist wesentlich dafür, dass unsere humanitäre Arbeit keine Wohltätigkeit ist, sondern Ausdruck von Solidarität. Solidarität bedeutet nicht, sich für andere einzusetzen in der Annahme oder gar mit dem Wunsch, dass deren Probleme nichts mit einem selbst zu tun haben. Das wäre klassische Wohltätigkeit. Solidarität bedeutet auch nicht, sich in der Annahme für andere einzusetzen, dass sie die gleichen Probleme haben, wie man selbst. Das wäre dann Interessenspolitik.

Solidarität bedeutet, gemeinsam zu handeln, weil wir wissen, dass die Rahmenbedingungen, die unsere Mitmenschen benachteiligen, auch unser Leben beeinflussen – sei es, weil wir selbst auch, aber in anderer Weise darunter leiden, oder sei es, weil sie uns privilegieren.

Herausfordernde Zeiten

Solidarität in der Krise haben wir die Veranstaltung genannt, weil wir angesichts der Lage in der Welt an unsere Grenzen geraten. Es waren immer dicke Bretter, die wir gebohrt haben, aber wir konnten Aufmerksamkeit auf vergessene Bevölkerungsgruppen und Krisen in der Welt lenken und kleine Verbesserungen erwirken. Jetzt haben sich die politischen Rahmenbedingungen deutlich verschlechtert, was der Gesundheit direkt schadet.

Wachsende Ungleichheit

Wir erleben in den letzten Jahren eine massive Verschärfung der Ungleichheit, sowohl zwischen als auch innerhalb von Ländern. Ebenso erodieren soziale Sicherungssysteme. Soziale Ungleichheit ist schädlich für die Gesundheit, das zeigen Studien sehr deutlich – und zwar nicht nur für diejenigen, die benachteiligt sind, sondern für alle.

Wir sehen eine verschärfte Ungleichheit auch in Bezug auf die Gesundheitsversorgung, wenn etwa Privatpatient*innen gegenüber Kassenpatient*innen bevorzugt werden. Oder wenn Medikamente gegen Krankheiten entwickelt werden, an denen eher zahlungskräftige Menschen leiden und weniger für Erkrankungen, die weitaus mehr, aber eben ärmere Menschen bedrohen. Und natürlich, wenn Migrant*innen nicht den gleichen Anspruch auf Gesundheitsversorgung haben wie Staatsangehörige.

Ausgrenzung untergräbt Solidarität

Parallel dazu beobachten wir eine Entwicklung, die die Grundidee von Solidarität direkt angreift: Anstatt die bestehenden Ungleichheiten anzuprangern, wird Ausgrenzung als Lösung verkauft. Ansätze der Solidarisierung zwischen denjenigen, die jeweils unterschiedlich von Ungleichheit betroffen sind, werden damit untergraben.

Das gilt in Bezug auf die innenpolitische Migrationspolitik: EU-Migrant*innen und Geflüchtete werden pauschal als Sozialbetrüger dargestellt. Bestehende Probleme in der Gesundheitsversorgung, wie etwa lange Wartezeiten, werden auf die Anwesenheit von Ausländer*innen geschoben. Die systemischen Ursachen der Missstände geraten so aus dem Blickfeld. 

Nationale Interessen statt internationaler Hilfe

Das gilt auch in Bezug auf die internationale Zusammenarbeit: vermeintlich nationale Interessen werden gegen Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe ausgespielt. Für das Jahr 2025 wurden die Mittel für die humanitäre Hilfe um 53 Prozent gekürzt. Das ist dramatisch und hat direkte Folgen für Millionen Menschen, beispielsweise für unser Projekt für Mutter-Kind-Gesundheit in Äthiopien. Gleichzeitig muss man sich auch verdeutlichen: die dadurch erreichten Einsparungen sind geringer als die Mindereinnahmen des Fiskus durch die steuerliche Begünstigung von Hotelübernachtungen.

Solidarische Praxis als politisches Handeln

Wir sehen also eine verschärfte Ungleichheit und ausgrenzende Diskurse: Bei all der dadurch entstehenden Frustration, Sorge und Wut sehen wir auch, dass viele Menschen sich auch weiterhin engagieren wollen und sich solidarisch zeigen. Auch deshalb heißt unsere Veranstaltung „Solidarität in der Krise“. Wir sehen solidarische Praktiken bei unserer Arbeit bei Ärzte der Welt in verschiedensten Formen:

  • Mehr als 130 Ehrenamtliche engagieren sich in unseren Projekten in Deutschland dafür, dass Menschen die Gesundheitsversorgung bekommen, die sie benötigen.
  • In unserem Projekt reach.out beraten Geflüchtete, die schon länger in Deutschland sind, neu angekommene Geflüchtete als Multiplikator*innen zu psychischer Gesundheit und den Strukturen und Angeboten für ihre Unterstützung.
  • In Kriegs- und Krisengebieten leisten unsere Kolleg*innen, die selbst oft von den Krisen betroffen sind, medizinische Hilfe, für diejenigen, die es am meisten brauchen.
  • Tausende Menschen spenden einen Teil ihres Geldes für die Arbeit von Ärzte der Welt und machen sie dadurch erst möglich,
  • und nicht zuletzt erleben wir in zivilgesellschaftlichen Netzwerken eine große Solidarität, obwohl die beteiligten NGOs eigentlich um immer knapper werdende Mittel konkurrieren.

Handlungsspielräume werden kleiner

Die Räume für eben dieses solidarische Handeln, für zivilgesellschaftliches Engagement werden allerdings auch in Deutschland eingeschränkt: Aberkennung von Gemeinnützigkeit steht als Drohung im Raum, wenn NGOs sich zu politisch äußern, der Einsatz für internationales humanitäres Recht und Menschenrechte wird wahlweise als utopisches Gutmenschentum oder als radikal dargestellt.

Dadurch, dass die Möglichkeiten für zivilgesellschaftliches Engagement immer stärker eingeschränkt werden, sind die geschilderten solidarischen Aktivitäten als politisches Handeln zu verstehen.

Gesundheitsversorgung darf nicht vom Engagement Einzelner abhängen, sie muss strukturell verbürgt sein.

Wertschätzung allein reicht nicht

Engagement als solidarische Praxis wertzuschätzen, heißt nicht, es dabei zu belassen. Humanitäre Hilfe dient sonst oft als Lückenbüßer für den zusammengekürzten Sozialstaat oder den Zusammenbruch internationaler Regeln. Stattdessen müssen wir aus dieser Erfahrung der Solidarität heraus eine menschenrechtsbasierte Ordnung fordern.

Es geht darum, die Räume für solidarisches Handeln zu sichern und uns gegenseitig zu stärken. Und es geht darum, nach Wegen zu suchen, wie wir diese Möglichkeiten ausweiten können. Und wie wir breiter politisch und gesellschaftlich wirken können für eine solidarische Gesellschaft, in der das Menschenrecht auf Gesundheit für Alle verwirklicht wird.

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