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Tragischer Fall aus der Münchner Praxis

Tragischer Fall aus der Münchner Praxis

Die Kolleginnen und Kollegen in unseren Anlaufstellen in Berlin, München, Hamburg und Stuttgart haben täglich mit den unterschiedlichsten Klienten zu tun, die sich meist in äußerst schwierigen Lebenssituationen befinden. Doch einige Fälle lassen uns lange nicht los. Von einem besonders erschütternden Beispiel möchten wir hier berichten.

Im vergangenen Jahr, kurz vor Weihnachten, trafen wir bei einem unserer Einsätze vor der Notunterkunft für Wohnungslose in der Münchner Bayernkaserne eine junge Frau aus Bulgarien mit ihrem Baby und ihrem schwer geistig behinderten achtjährigen Sohn.  Die Großmutter der beiden war auch dabei. Die Kinder hatten stark gerötete, tränende Augen und wurden in unserem mobilen Behandlungsbus versorgt.

Die Familie hatte aus der Pension, in der sie zuletzt gewohnt hatte, ausziehen müssen, nachdem der seit über fünf Jahren in Deutschland lebende Vater seine Arbeit bei einer Sicherheitsfirma verloren hatte. Die Mutter kam mit ihren Kindern später noch einige Male in unsere Praxis und wir haben ihr Ansprechpartner von anderen Hilfsorganisationen vermittelt, die die soziale Betreuung der Familie übernahmen. Dem Sohn konnten wir eine Augenärztin und eine Brille besorgen. Einmal mussten wir das Baby als Notfall ins Krankenhaus überweisen, kurz darauf kam auch die Mutter mit Beschwerden ins Krankenhaus. Ende Januar erreichte uns eine schreckliche Nachricht: Der Ehemann hatte sich das Leben genommen.

Am Tag zuvor hatte ein Kollege  den Mann vor der Bayernkaserne getroffen. Er erzählte ihm, er habe einen schlechten Tag gehabt, die Jacke mit seinem Geld und seinem Ausweis sei ihm gestohlen worden.

Der ständige Kampf gegen bürokratische Windmühlen kann einen Menschen in die Verzweiflung treiben

Auch wenn uns die genauen Umstände, unter denen die Familie gezwungen war, ihre Unterkunft zu verlassen, nicht bis in Detail bekannt sind, eines wissen wir aus unserer Erfahrung heraus bestimmt: Es gibt zahlreiche, häufig nicht selbst verschuldete Hürden, die eine Person daran hindern, ihr Menschenrecht auf Gesundheitsversorgung und ein Dach über dem Kopf wahrzunehmen. Und der ständige Kampf gegen bürokratische Windmühlen, verbunden mit der Scham, nicht aus eigener Kraft für sich und seine Familie sorgen zu können, kann einen Menschen in die Verzweiflung treiben.

Klar ist für uns auch, dass es nicht sein darf, dass eine Familie mit Kindern – erst recht mit solchen,  die besonderer Pflege bedürfen – bei Minustemperaturen buchstäblich auf die Straße gesetzt wird, egal aus welchen Gründen auch immer.

Wir haben uns nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, den Fall hier öffentlich zu machen, denn es ist uns wichtig, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen, sondern zu zeigen, was soziale Kälte und starre oder gar willkürliche Bürokratie für konkrete und tragische Folgen haben können.