Staatliche und private Gelder für humanitäre Organisationen werden weniger, das bekommen zahlreiche Hilfsorganisationen zu spüren – auch Ärzte der Welt. Was das für unsere Projekte in Äthiopien und in der Ukraine bedeutet, erklärt unsere Leiterin Auslandsprogramme Julia Brunner.
Julia, wie wirkt sich der starke Rückgang von Fördergeldern, gerade von staatlichen Stellen, auf unsere Projekte aus?
Ich nenne ein Beispiel: In unserem Projekt in Äthiopien haben die Mittelkürzungen dazu geführt, dass wir eben nicht mehr die Gegenden versorgen können, in denen wir bis Ende 2024 noch tätig sein konnten. Seit 2025 mussten die Projektaktivitäten Stück für Stück reduziert werden.
Ende Februar mussten wir unsere Arbeit in der Region Afar leider komplett einstellen. Das heißt in der Konsequenz, dass etwa 70.000 Menschen nicht mehr die medizinische Versorgung haben, die sie eigentlich benötigen.
Bitte helfen Sie den Menschen in Äthiopien und weltweit mit einer Spende!
Was haben wir bisher in der Afar-Region angeboten?
Unser Fokus in Äthiopien liegt auf Frauen, vor allem Schwangere, Babys und Kinder unter fünf Jahren.
Wir waren in Afar in drei Gesundheitszentren tätig. In jedem Gesundheitszentrum gab es eine Hebamme und eine Krankenschwester, die das staatliche Personal vor Ort unterstützt haben. Die Krankenschwestern waren Kinderkrankenschwestern für Kinder unter fünf Jahren. Sie haben die Kinder unter anderem geimpft, ihren Ernährungszustand überprüft und sie bei Bedarf mit Nahrungsergänzungsmitteln versorgt. In der Region leben etwa 5.000 Kinder unter fünf Jahren. Wir haben diese Zentren regelmäßig mit Medikamenten und medizinischer Ausstattung ausgestattet. Das ist jetzt nicht mehr möglich.
Was bedeutet das konkret für die Menschen?
Hat eine Mutter einmal die Erfahrung gemacht hat, dass sie zehn Stunden durch die Steppe gelaufen ist, bei einem Gesundheitszentrum ankommt und dort steht die notwendige Behandlung nicht mehr zur Verfügung, dann wird sie es kein zweites Mal versuchen. Die Gesundheitseinrichtungen gibt es noch und Menschen werden dort weiter behandelt, allerdings fehlt es an Medikamenten und Personal.
Das, was wir in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaut haben, dass die Menschen von uns wissen, uns vertrauen und auch die nötige Versorgung bekommen, das geht nun verloren. Die Menschen erleben wieder eine Situation, in der viel mehr Mütter und Kinder sterben, auch bei Geburten. Leider rechnen wir auch damit, dass es wieder mehr Krankheitsausbrüche geben wird, weil die Kinder nicht ausreichend geimpft sind.
Wie reagieren wir als Ärzte der Welt auf diese Situation?
Wir haben überprüft, wo wir mit den vorhandenen Mitteln noch die größte Wirkung erzielen können und versuchen dort, so lange wie möglich durchzuhalten.
Wir konzentrieren uns damit auf die äthiopische Somali-Region, speziell auf das Camp für Binnenvertriebene in Qoloji. Das wäre der letzte Standort, den wir schließen würden. Wir wissen: Wenn wir gehen, wird es dort gar keine Gesundheitsversorgung mehr geben. Wir sind im Camp die einzigen, die medizinische Dienstleistungen anbieten.

Für uns alle ist das natürlich eine schwierige Situation. Wir sehen, dass der Bedarf in der Somali-Region nach wie vor sehr groß ist und mit der derzeitigen Dürreperiode wird er noch größer werden. Doch uns fehlen die Finanzmittel, um die Bevölkerung zu unterstützen.
Julia Brunner, Leiterin Auslandsprogramme
Wie ist das für die Kolleg*innen in den Projekten – und für Euch?
Die Situation ist für die Kolleginnen und Kollegen in Äthiopien sehr schwierig. Die Menschen haben ja Familie und sind häufig die Hauptverdiener. Ende 2024 hatten wir fast 90 lokale Mitarbeitende. Wir mussten seitdem viele entlassen.
Dank unserer privaten Spender*innen haben wir jetzt noch Geld, um etwa ein halbes Jahr weiter arbeiten zu können, aber dennoch müssen wir jeden Monat weiter reduzieren.
Das betrifft auch unser Projekt in der Somali-Region: Von den ursprünglich acht Gesundheitszentren unterstützen wir aktuell nur noch drei, und diese werden wir Anfang Mai oder Anfang Juni schließen müssen.
Für das Team in Äthiopien ist das natürlich sehr frustrierend, ebenso für uns hier in Deutschland. Ich ziehe vor den lokalen Mitarbeitenden wirklich den Hut, denn sie machen trotzdem bis zum letzten Tag voller Engagement weiter und sind für die Menschen da.
Helfen denn unsere lokalen Partner dabei, die Folgen der Kürzungen zu überbrücken, so dass man bestimmte Dienstleistungen noch weiter anbieten kann?
Afar ist hier ein gutes Beispiel: Dort haben wir noch ein Partnerprojekt mit CVDA, einer Organisation, die wir aus einer langjährigen Zusammenarbeit kennen und schätzen. Diese arbeitet in zwei Gesundheitseinrichtungen mit eigenen Mitarbeitenden. Obwohl wir uns als Ärzte der Welt aus der Region zurückziehen mussten, werden wir CVDA weiter unterstützen. Auch CVDA arbeitet im Bereich Mutter-Kind-Gesundheit und unterstützt ausgewählte Gemeinden im Einzugsbereich von zwei Gesundheitseinrichtungen.
Wir achten hier nicht nur auf Synergie-Effekte mit unseren lokalen Partnerorganisationen, sondern auch mit anderen Organisationen. Das war schon vorher ganz klar unser Fokus und das gilt auch weiterhin: Wir müssen und werden noch enger zusammenarbeiten.



