Im Inneren der mobilen Zeltklinik von „Ärzte der Welt“ in Darfur, Sudan. © Ärzte der Welt

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Eine beispiellose humanitäre Katastrophe

Seit dem 15. April 2023 herrscht im Sudan ein brutaler Bürgerkrieg beispiellosen Ausmaßes. Die sudanesischen Streitkräfte (SAF) und die Rapid Support Forces (RSF) kämpfen um die Kontrolle über das Land. Der Konflikt breitete sich rasch von der Hauptstadt Khartum in die Regionen Darfur, Kordofan und Blauer Nil aus, wodurch Millionen von Zivilist*innen massive Gewalt erfuhren.

Die Vereinten Nationen beschreiben die Situation im Sudan offiziell als „die schlimmste humanitäre und Vertreibungskrise der Welt“. Die Zahlen sind erschütternd: Seit April 2023 wurden mehr als 13 Millionen Menschen vertrieben. Schätzungsweise 150.000 Personen haben durch den Krieg bereits ihr Leben verloren – die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher sein. Für 24,6 Millionen Menschen gilt eine akute Ernährungsunsicherheit, mit bestätigten Hungersnöten in Zamzam, El-Fasher und Kadugli. Das Gesundheitssystem ist fast vollständig zerstört. Zwei Drittel der Bevölkerung hat keine Möglichkeit, lebensrettende Gesundheitsversorgung zu bekommen, da die Mehrheit der Krankenhäuser und Kliniken geschlossen, zerstört oder geplündert wurde.

Darfur, das Epizentrum der Gewalt

Darfur ist eine riesige Region, etwa eineinhalb mal so groß wie Deutschland. Seit Jahrzehnten ist sie bereits von Konflikten und humanitären Krisen geprägt. In diesem Bürgerkrieg gehört sie zu den am stärksten betroffenen Gebieten und erlebt ein bisher ungekanntes Ausmaß an Zerstörung. Die Einnahme von El-Fasher, der Hauptstadt Nord-Darfurs, durch die RSF am 26. Oktober 2025 war ein dramatischer Wendepunkt. Zivilist*innen wurden hingerichtet, sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe eingesetzt. Das Gesundheitssystem ist vollständig zusammengebrochen. Etwa 80 Prozent der grundlegenden medizinischen Behandlungen, der Versorgung für Mütter, der Traumaversorgung und der psychischen Gesundheitsdienste sind nicht mehr verfügbar.

Mehrfache Krisen in Darfur:

  • Ernährung: In El-Fasher herrscht eine bestätigte Hungersnot. Knapp 5 Millionen Kinder und schwangere oder stillende Frauen leiden an akuter Mangelernährung.
  • Krankheiten: Zahlreiche Epidemien beherrschen die Region. Über 600 Menschen an 40 Orten sind bereits an Cholera gestorben, mehr als 18.400 Fälle wurden erfasst. Malaria bleibt die am weitesten verbreitete Krankheit, mit mehr als 2,5 Millionen registrierten Fällen im Jahr 2024. Eine niedrige Impfquote erhöht das Risiko für Masern-, Diphtherie- und Polio-Ausbrüche.
  • Gewalt: Sexualisierte Gewalt wird im Bürgerkrieg systematisch eingesetzt. Die wenigsten Betroffenen können rechtzeitig eine Gesundheitsstation aufsuchen– mit schwerwiegenden Folgen. Wichtige Medikamente, die nach sexueller Gewalt Ansteckungen verhindern können, müssen rechtzeitig verabreicht werden, um zu wirken. Die Konsequenzen für die Überlebenden sind gravierend und umfassen neben Infektionen ungewollte Schwangerschaften, unsichere Schwangerschaftsabbrüche und eine höhere Sterblichkeit von Müttern.

Wie unsere Teams im Sudan helfen

Ärzte der Welt ist im Lager Dar Omo in Feina, West-Darfur, aktiv. Dort leben derzeit rund 45.000 vertriebene Menschen, von denen die überwiegende Mehrheit seit Oktober 2025 aus der Stadt El-Fasher geflohen ist. Im April 2026 übernahm Ärzte der Welt die alleinige Leitung der Klinik im Lager. Dadurch ist die Organisation der wichtigste Gesundheitsakteur vor Ort und gehört zu den Wenigen, die in diesem abgeschiedenen Gebiet trotz erheblicher logistischer Einschränkungen präsent sind.

Grundlegende Gesundheitsversorgung

In der Klinik im Lager Dar Omo können täglich 200 ambulante Konsultationen stattfinden. Es gibt eine Notaufnahme, in der Patient*innen stabilisiert werden und kritische Fälle an ein Krankenhaus in der Stadt Kas überwiesen werden. Daneben findet die allgemeine Gesundheitsversorgung statt, insbesondere zur Behandlung von häufigen Infektionskrankheiten, Malaria, akuter Mangelernährung und chronischer Erkrankungen.

Sexueller und reproduktive Gesundheit

Die Klinik bietet Gesundheitsversorgung für Mütter an, darunter Schwangerschaftsvorsorge und -nachsorge, Entbindungen, Versorgung für Neugeborene, Familienplanung und Behandlung von sexuell übertragbaren Infektionen (STIs). Überlebende sexualisierter Gewalt erhalten eine vertrauliche Betreuung, einschließlich der Gabe von Medikamenten, um Infektionen und Schwangerschaften zu verhindern, Notfallverhütung und STI-Behandlung. Komplikationen während der Geburt können vor Ort durch eine Notfallversorgung behandelt werden, bei Bedarf erfolgt eine Überweisung an eine spezialisierte Einrichtung. Zusätzlich führen lokale Gesundheitsmitarbeitenden in den Gemeinden Aufklärungsmaßnahmen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten durch.

Prävention und Reaktion auf Epidemien 

Cholera, Malaria, Masern: Das Risiko für Epidemien ist groß. Angesichts der Bedrohung stärkt Ärzte der Welt seine Bereitschafts- und Reaktionsmechanismen für Gesundheitsnotfälle. Notfallpläne werden auf mit der Gemeinde und auf klinischer Ebene entwickelt, Vorräte an wichtigen Medikamenten angelegt und das Personal in Früherkennung und Erstreaktion geschult. Epidemiologische Überwachung ist in die Arbeit der Gemeindegesundheitsassistenten integriert, die Veränderungen frühzeitig erkennen können. Anpassungsfähige Reaktionsmöglichkeiten – mobile Kliniken, temporäre Gesundheitsposten, krankheitsspezifische Einsatzeinheiten – ermöglichen es, die Dienste im Falle eines akuten Schocks oder einer Epidemie aufrechtzuerhalten.

Psychische Gesundheit

Die Stärkung der psychischen Gesundheit ist bei einer langwierigen Krise entscheidend. Vertriebene Menschen in Dar Omo leiden häufig an Depressionen, Angstzuständen und posttraumatischer Belastungsstörung. Wir bilden daher lokale Gesundheitsassistent*innen in psychologischen Erste-Hilfe-Techniken aus. Diese ermöglichen es ihnen, die Patient*innen zu unterstützen und, wenn sie eine spezialisierte Versorgung benötigen, an geeignete Dienste zu verweisen.

„Seit der Eröffnung der Klinik hat Ärzte der Welt fast 200 Konsultationen pro Tag durchgeführt, hauptsächlich zur medizinischen Basisversorgung: Ernährung und Impfung. Die Hälfte der Kinder kommt mit vermeidbaren Erkrankungen wie Lungenentzündung oder Durchfall. Wir bereiten uns auch auf die Eindämmung von Epidemien wie Masern oder Cholera vor, die in dieser Region während der Regenzeit von Juni bis September typisch sind.“

Marie Laure Herdhuin, Leiterin der Notfalleinsätze bei Ärzte der Welt Frankreich. 

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Unsere Antworten auf Ihre häufigsten Fragen

Der Sudan und der Südsudan haben sich 2011 nach jahrzehntelangen, blutigen Bürgerkriegen getrennt. Die Abspaltung war das Ergebnis tiefgreifender kultureller, religiöser, ethnischer und wirtschaftlicher Gegensätze zwischen den beiden Landesteilen, die schon in der Kolonialzeit entstanden waren. Die Hauptgründe für die Trennung sind:

  • Historische Unterdrückung: Während der britisch-ägyptischen Kolonialzeit wurden beide Landesteile getrennt verwaltet, um ethnische Spannungen zu verhindern. Nach der Unabhängigkeit des Gesamtsudans 1956 dominierte der Norden politisch, wirtschaftlich und kulturell. Der Süden fühlte sich systematisch diskriminiert und ausgebeutet.
  • Das Ringen um den Zugang zu Ressourcen: Die meisten Erdölvorkommen des ursprünglichen Landes lagen im Süden, die Kontrolle und die Einnahmen verblieben jedoch größtenteils bei der Zentralregierung im Norden.
  • Politisch-religiöse Repression: Die Regierung in Khartum versuchte zeitweise, islamisches Recht (Scharia) auch im nicht-islamischen Süden durchzusetzen, was den Widerstand dort weiter anheizte.

Die jahrzehntelangen Konflikte gipfelten schließlich im Friedensabkommen von 2005, das dem Süden eine weitgehende Autonomie und 2011 ein Unabhängigkeitsreferendum zusicherte. Bei dieser Abstimmung votierten die Menschen im Süden mit überwältigender Mehrheit für die Eigenständigkeit, wodurch der Südsudan am 9. Juli 2011 offiziell zum jüngsten Staat der Erde wurde.

Im Jahr 2013 haben interne Machtkämpfe und Rivalitäten zwischen Präsident Kiir und Vize Machar einen Bürgerkrieg herbeigeführt. Kiir beschuldigte seinen Vizepräsidenten, einen Putsch zu planen und setzte ihn in seiner Villa fest. So begannen die Kämpfe zwischen internen Fraktionen des Militärs, die entweder für Kiir oder Machar kämpften. Infolge von erfolgreichen Friedensverhandlungen konnten die verfeindeten Politiker 2018 eine Übergangsregierung formen. Kurz vor den Wahlen im März 2025 wiederholte sich jedoch das Szenario: Ein Konvoi schwer bewaffneter Soldaten stürmte die Villa des Vizepräsidenten und stellte ihn unter Hausarrest. Kurze Zeit später kam es schon zu ersten Schusswechseln. Somit steht Südsudan wieder am Rande eines Bürgerkriegs.

Die Hungerkrise im Südsudan verschärft sich kontinuierlich. Die Hälfte der Bevölkerung war 2024 von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, insbesondere Frauen und Kinder (IPC Phase 3 oder höher). Prognosen des IPC-Berichts zufolge werden zwischen April und Juni 2025 etwa 7.7 Millionen Menschen von Hunger betroffen sein. 2.5 Millionen Menschen sind von extremem Hunger und bis zu 63.000 sogar vom Hungertod bedroht.

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