Ein Team von Ärzte der Welt unterwegs im Gazastreifen

Gaza:
Helfen als Überlebensstrategie

Für unsere palästinensische Kollegin Nour Z. Jarada ist humanitäre Arbeit mehr als ein Beruf: Sie ist Halt, Sinn und Überlebensstrategie. Die Psychologin berichtet regelmäßig aus dem Gazastreifen und warum die humanitäre Arbeit dort nun bedroht ist.

„Seit fast zwei Jahren teile ich in dieser Kolumne mein Leben, meine Ängste, meine Verluste, meine flüchtigen Momente der Hoffnung und den unerbittlichen Kampf, inmitten der Verwüstung weiterzumachen. Ich werde immer wieder gefragt: Wie schaffst du es, weiterzumachen? Woher nimmst du die Kraft, wenn alles, was du einst kanntest, zerstört wurde?

Bitte helfen Sie Menschen in Gaza mit einer Spende!

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Meine Antwort: Was es uns ermöglichte, jeden Morgen weiterzumachen, trotz Erschöpfung, Hunger und Trauer, war unsere humanitäre Arbeit. In einer Welt, in der wir teils unsere Häuser, unsere Angehörigen, unsere Sicherheit und manchmal sogar unser Selbstbewusstsein verloren haben, wurde das Helfen zum Einzigen, was unserem Überleben einen Sinn gab. Es erinnerte uns daran, dass wir nicht nur Opfer des Krieges sind. Wir sind Helfende, Zeuginnen und Zeugen, Mitwirkende am Wohl der Menschheit.

In den schlimmsten Tagen des Krieges mussten wir mit ansehen, wie unsere Viertel in Schutt und Asche gelegt wurden, ganze Familien verschwanden und einst vertraute Straßen zu Schauplätzen der Zerstörung, Leere und Angst wurden. Wir hungerten und wir waren verzweifelt. Und doch sind wir jeden Tag zwischen den Trümmern aufgestanden, um Kindern Medikamente zu bringen, eine Mutter zu trösten, die um ihr verlorenes Kind weinte, oder einen alten Mann zu beruhigen, der vor Angst und Kälte zitterte. Wir halfen mit psychosozialer Unterstützung und mit Maßnahmen zur psychischen Gesundheit in unseren Kliniken. Diese Arbeit war das Einzige, was uns angesichts der unerbittlichen Zerstörung an unsere Menschlichkeit erinnerte. Doch jetzt ist sogar diese lebenswichtige, sinnstiftende Perspektive bedroht: unsere Fähigkeit zu helfen.

Entzug der Registrierung bedeutet für viele NGOs das Ende ihrer Arbeit

Im März 2025 wurden neue Registrierungsanforderungen für internationale humanitäre Organisationen eingeführt, die in Palästina tätig sind. Diese Vorschriften gehen über humanitäre Grundsätze und grundlegende Datenschutzstandards hinaus und bergen die Gefahr, die Neutralität, Sicherheit und die Unabhängigkeit der Organisationen zu gefährden. Anfangs haben viele von uns gehofft, dass diese Anforderungen bewältigt werden könnten, ohne das Wesen unserer Tätigkeit zu untergraben oder unsere tägliche Arbeit zu stören. Doch diese Hoffnung begann allmählich zu schwinden.

Im Dezember 2025 kam die Ankündigung: Dutzende Organisationen, darunter auch Ärzte der Welt, wurden darüber informiert, dass ihre Registrierung nicht verlängert werde und sie verpflichtet seien, innerhalb von 60 Tagen jegliche Aktivitäten im Westjordanland, im Gazastreifen und in Israel einzustellen.

Diese Entscheidung bedeutete, dass Tausende schutzbedürftiger Menschen den Zugang zu lebenswichtigen psychologischen, medizinischen und psychosozialen Hilfsangeboten verlieren könnten – und das in einer Zeit, in der sie diese am dringendsten benötigten. Ganze Gemeinschaften sahen sich mit der Aussicht konfrontiert, im Stich gelassen zu werden. Dies war nicht einfach nur eine Verwaltungsentscheidung. Für uns war es ein Schock, eine Bedrohung, dass selbst unsere Fähigkeit zu helfen nicht mehr gesichert war.

Dürfen wir nicht mehr helfen, während der Bedarf größer ist als je zuvor?

Hinter jeder Organisation stehen Menschen: lokale Mitarbeitende, Psycholog*innen, Ärztinnen und Ärzte, Krankenpfleger*innen, Sozialarbeiter*innen und Führungskräfte. Menschen, die nicht erst nach dem Krieg hierherkamen, sondern ihn vom ersten Tag an miterlebt haben. Menschen wie ich.

Nun bedeutet diese neue Unsicherheit eine weitere Last: Angst, unsere Arbeitsplätze zu verlieren, Angst, aufzufliegen, Angst, unsichtbar zu werden. Wir wissen nicht, ob wir morgen noch helfen dürfen, ob wir noch geschützt sein werden. Wir bemühen uns, andere zu schützen und zu heilen, wir setzen unsere Arbeit mit allen notwendigen Vorsichtsmaßnahmen fort, wohl wissend, dass diese Herausforderungen es uns erschweren, die Bedürftigen zu erreichen und zu unterstützen.

Folgen des Krieges erschweren die Situation der Menschen

Man sagt, der Krieg sei vorbei. Doch seine Folgen werden immer komplexer. Die meisten Menschen leben nach wie vor in zerfetzten Zelten, die jede Nacht vom Winterregen durchnässt werden. Kinder schlafen auf nassem, kaltem Boden und kuscheln sich aneinander, um sich zu wärmen. Krankenhäuser liegen in Trümmern, Kliniken arbeiten mit minimalen Mitteln, und psychische Wunden bleiben unbehandelt. Gemeinschaften, die einst auf öffentliche Dienste angewiesen waren, sind nun vollständig auf humanitäre Netzwerke angewiesen –, die nun durch administrative Beschränkungen bedroht sind.

Diese Organisationen sind das Rückgrat des Überlebens. Sie füllen die Lücken, die kollabierte Systeme hinterlassen haben, und versorgen diejenigen, die sonst nichts hätten, mit medizinischen Angeboten, psychologischer Unterstützung und Grundbedürfnissen wie Essen und Unterkunft. Allein in den Kliniken von Ärzte der Welt Frankreich versorgen wir täglich etwa 2000 bis 2200 Menschen.

Israelische Regierung entscheidet, wer helfen darf und wer nicht

Manchmal fühle ich mich gefangen und machtlos. Hier geht es nicht nur um Registrierung. Es geht um Kontrolle. Es geht um den schrumpfenden humanitären Handlungsspielraum. Es geht darum, Mitgefühl in eine Belastung zu verwandeln. Es geht darum, zu entscheiden, wer helfen darf und wer nicht.

Wenn humanitäre Organisationen gezwungen werden, Gaza zu verlassen, werden die Folgen verheerend sein – nicht nur für die Institutionen, sondern für Millionen von Menschen, die für ihr Überleben, ihre Würde und ihre Hoffnung auf diese angewiesen sind.“

Nour Z. Jarada, Leiterin der Abteilung für psychische Gesundheit, Ärzte der Welt, Gaza

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