Die open.med-Praxis im Westend. © Franziska Rentzsch/Hoffnungsorte Hamburg

Hamburg:
Sprechstunde bei open.med Hamburg

Wie sich die Lebensbedingungen von Menschen auf ihre Gesundheit auswirken können und wie unverzichtbar Sprachmittlung ist, zeigt ein Besuch der open.med-Praxis von Hoffnungsorte und Ärzte der Welt im Hamburger „Westend“.

Im Wartezimmer der Hamburger Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung reißt ein Patient einen Streifen Stoff von einem alten Kleidungsstück und bastelt sich mit wenigen Handgriffen eine Halterung für seine Luftröhrenkanüle. Als er das Röhrchen wieder in die dafür bestimmte Öffnung am Hals platziert, wendet eine andere Patientin demonstrativ den Kopf ab.

Brigitta Klimach, die die Praxis ehrenamtlich unterstützt, ist eher beeindruckt. „Ein Überlebenskünstler“, findet sie. „Er pflegt die Trachealkanüle recht gut,“ sagt open.med-Projektleiterin Bronwyn-Maria Margolis.

Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, wird deutlich, wenn man mehr über das Leben von Petko Lenkov (Name geändert) erfährt. Lenkov lebt seit Jahren auf der Straße und hielt sich mit Gelegenheitsjobs, etwa auf Baustellen, über Wasser. Dann bekam er die Diagnose Kehlkopfkrebs. Obwohl der Mann Mitte 60 keine Krankenversicherung hatte, wurde er als Notfall in einer Klinik operiert. Seitdem kann Petko Lenkov nicht mehr sprechen und trägt eine Kanüle im Hals, um ausreichend Luft zu bekommen.

„Die Folgeversorgung eines Luftröhrenschnitts ist sehr teuer und schwer zu erhalten,“ sagt Bronwyn-Maria Margolis. Eine enorme Barriere für den unversicherten Patient*innen. „Wir schicken ihn jetzt erst einmal zum HNO-Arzt“, so Margolis. Zuvor telefoniert sie noch mit einer Sozialarbeiterin, die Petko Lenkov unter anderem dabei unterstützt, eine Unterkunft zu finden. „Wir können ihn unter diesen Umständen doch nicht auf der Straße lassen“, sagt die Sozialarbeiterin.

Im Sprechzimmer stellt sich Dr. Hans-Heiner Stöver, der ehrenamtlich in der open.med-Praxis arbeitet, dem Patienten vor. Die Dolmetscherin eines Onlinedienstes übersetzt ins Bulgarische, denn Petko Lenkov versteht kaum Deutsch. Der Patient antwortet, indem er auf einen Zettel schreibt und diesen in die Kamera eines Tablet-Computers hält. Dr. Stöver verschreibt Medikamente und gibt Lenkov einen Brief für den HNO-Arzt mit. „Wie melde ich mich dort an, wenn ich nicht reden kann?“ schreibt der Patient. „Eine Sprachmittlerin wird Sie dort treffen“, beruhigt ihn Dr. Stöver.

Bitte helfen Sie Menschen in Deutschland mit einer Spende!

Intervall
Beträge

Atemwegserkrankungen wie die von Petko Lenkov hängen häufig mit schwierigen Lebensbedingungen zusammen. Auch wenn nicht klar ist, was zu seiner Erkrankung geführt hat, haben Bauarbeiter ein höheres Risiko, Kehlkopfkrebs zu bekommen, weil sie häufig Schadstoffen ausgesetzt sind. Das gilt besonders für Menschen, die wie Lenkov häufig in unsicheren Arbeitsverhältnissen beschäftigt waren. Hinzu kommt, dass Petko Lenkov keine Krankenversicherung hatte und seine Erkrankung mit besserer Vorsorge vielleicht schneller entdeckt und behandelt worden wäre.

Auch Hamburger*innen, die nicht auf der Straße leben, sind zum Teil massiven Gesundheitsrisiken ausgesetzt: Die Ehrenamtliche Brigitta Klimach berichtet von einem Mietshaus in der Nähe, wo der Schimmel buchstäblich aus den Wänden sprießt, da die Eigentümer*innen das Haus vernachlässigen. So etwas passiere leider nicht selten, so Klimach.

Basierend auf solchen Erfahrungen aus der Praxis ist Ärzte der Welt davon überzeugt, dass Gesundheitsversorgung auch die Lebensumstände berücksichtigen muss. Nicht nur medizinische Behandlungen, auch gesunde Lebensbedingungen sind ein Grundrecht und müssen für jeden Menschen in Deutschland gewährleistet sein.

Aktuelles & News zu diesen Themen:

Sharing is Caring. Teilen Sie diesen Beitrag!