Ein Mann wird behandelt im Behandlungsbus von Ärzte der Welt in München. © Ärzte der Welt

München:
open.med-Anlaufstellen stoßen an Grenzen

Bei den Angeboten für Menschen ohne Krankenversicherung in München und Magdeburg wächst die Nachfrage schneller als die Kapazitäten. Die Teams behandeln vermehrt schwierige Fälle und sind immer öfter gezwungen, Hilfesuchende abzuweisen.

Die Situation in den open.med-Anlaufstellen für Menschen ohne Krankenversicherung hat sich in den vergangenen Monaten verschärft. Oft kämen zu viele Menschen in die Praxen, als man am entsprechenden Tag behandeln könne, berichtet die Projektleiterin von open.med München Annemarie Weber. „Irgendwann müssen unsere ehrenamtlichen Ärzt*innen auch mal nach Hause gehen. Einmal mussten wir sechs oder sieben Leute abweisen.“  Das geschehe selbstverständlich nur, nachdem das Team sichergestellt habe, dass es sich nicht um ein sehr akutes Anliegen oder einen Notfall handelt. Trotzdem fällt es den open.med-Mitarbeitenden schwer, Patient*innen auf eine der nächsten Sprechstunden zu vertrösten. „Manchmal sind die Leute weite Wege gekommen, um bei uns behandelt zu werden“, so Projektleiterin Weber.

Immer komplizierte Fälle

Es ist nicht nur die erhöhte Nachfrage nach kostenfreier und auf Wunsch anonymer medizinischer Versorgung und sozialer Beratung, die die Teams in den vergangenen Wochen und Monaten besonders fordern. Auch die Probleme, mit denen Patient*innen sich an die Anlaufstellen wenden, werden immer komplexer. „Momentan haben wir viele sehr extreme Fälle – in jeglicher Hinsicht,“ berichtet Annemarie Weber. Als Beispiel nennt sie eine Patientin, die sich mit einer stark vernachlässigten Wunde am Bein an den Ärzte der Welt-Behandlungsbus wandte. Die etwa 60-Jahre alte Frau lebt schon viele Jahre auf der Straße und ist psychisch stark belastet, so dass sie sich nicht ausreichend um ihre Verletzung kümmern konnte. Ihr Verband war so lange nicht gewechselt worden, dass sich bereits Maden in der Wunde eingenistet hatten. Obwohl die Patientin aufgrund ihrer Lebenssituation zögerte, dem medizinischen Personal zu vertrauen, konnte das Team sie überzeugen, sich einen frischen Verband anlegen zu lassen.

Weber berichtet auch von einem Patienten mit gefährlich niedrigem Hämoglobinwert, was auf Blutarmut hinweist. Trotzdem wurde er erst als Notfall im Krankenhaus aufgenommen, nachdem ein open.med-Teammitglied mit dem diensthabenden Arzt sprechen konnte.

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Vermehrt Kinder in den Sprechstunden

In Magdeburg benötigten in den vergangenen Wochen besonders viele Kinder die Hilfe des open.med-Teams. „Einmal hatten wir plötzlich so viele Kinder in der Sprechstunde, dass wir mithilfe unserer ehrenamtlichen Kinderärztin eine spontane pädiatrische Sprechstunde abgehalten haben“, berichtet  Projektreferentin Verena Ruhsert. „Zum Glück wohnt die Ärztin um die Ecke und hatte gerade Zeit.“

Unter den kleinen Patient*innen war ein vierjähriges Kind, das aufgrund von häuslicher Gewalt sichtlich traumatisiert schien. Das open.med-Team wird das Kind und seine Mutter, die sich inzwischen von dem gewalttätigen Vater trennen konnte, nach Bedarf weiter unterstützen.

Ein Geschwisterpaar aus dem EU-Ausland musste dringend geimpft werden, um in die Kita aufgenommen zu werden. Während der Vater über seine Arbeitsstelle in Deutschland versichert war, waren Mutter und Kinder noch nicht krankenversichert. Daneben beschäftigten zahlreiche weitere bürokratische Hürden das Team – so kamen zum Beispiel mehrere Patient*innen in die Sprechstunden, die in Arztpraxen abgewiesen worden waren, obwohl sie einen Behandlungsschein hatten.

Die Situation in den open.med Praxen und Behandlungsbussen zeigt, wie dringend notwendig politische Lösungen sind. Es darf nicht sein, dass die Gesundheit von Menschen davon abhängt, dass eine ehrenamtliche Ärztin ihre Freizeit opfert, um sie zu versorgen. Ärzte der Welt veröffentlicht jährlich aktuelle Daten aus den Projekten in Deutschland und leitet daraus Forderungen an die Politik ab.

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