Die Welt kennt Gaza als Bild der Zerstörung. Drei Jahre nach Beginn der israelischen Angriffe fragt sich unsere Kollegin Nour Z. Jarada, Psychologin im Gazastreifen, was bleibt, wenn es nur noch ums Überleben geht.
Dieser Text ist eine gekürzte und bearbeitete Version des französischen Artikels Malgré l’épuisement, trois ans après le 7 Octobre, chacun continue de faire une place à l’autre , erschienen in der Zeitung Libération.
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„Drei Jahre später – was ist noch von uns übrig? Manchmal versuche ich mich an die Frau zu erinnern, die ich vor dem 7. Oktober 2023 war. Ich erinnere mich an die alltäglichen Sorgen, die Pläne, die ich gemacht habe, ohne lange über morgen nachzudenken. Ich denke an die einfachen Dinge, die ich als selbstverständlich empfunden habe: nach Hause zu kommen, meine Kinder ins Bett zu bringen, zu wissen, wo ich am nächsten Tag aufwachen würde.
Ich bin noch hier, aber ich bin nicht mehr dieselbe Frau. Das gilt auch für die Menschen um mich herum. Drei Jahre Krieg haben unser Verhältnis zur Zeit, zu unseren Körpern, zu unseren Erinnerungen und zur Zukunft verändert. Wir haben gelernt, mit Dingen zu leben, die wir einmal für unmöglich gehalten haben. Und doch gibt es Tage, an denen selbst das Überleben abstrakt wirkt – als wären wir Fremde, die versuchen, sich durch Leben zu navigieren, die unseren eigenen nicht mehr ähneln.
Und jedes Jahr, wenn sich der 7. Oktober nähert, verkrampft sich etwas in uns.
Wir brauchen keinen Jahrestag, um uns daran zu erinnern, dass wir eine Katastrophe durchleben. Die Geräusche von Explosionen, das Zittern der Luft, die Angst vor einer weiteren schlaflosen Nacht – das gehört längst zu unserem Leben. Und doch warten wir, je näher das Datum rückt, ängstlich darauf, was kommen könnte. Wir erinnern uns an frühere Jahrestage, an die Eskalation, an die Nächte, in denen die Gewalt grenzenlos zu sein schien. Wir fürchten die kommenden Tage, während wir gleichzeitig den Horror der Gegenwart ertragen.
Es ist eine seltsame Art von Angst: jeden Tag in Gefahr zu leben und dennoch zu fürchten, dass ein bestimmter Tag noch Schlimmeres bringen könnte. Unsere Körper scheinen sich zu erinnern, bevor wir die Worte dafür finden. Wir horchen genauer hin. Wir erwarten den nächsten Laut. Wir versuchen uns auf das vorzubereiten, worauf man sich nicht vorbereiten kann.
Menschlichkeit und Zusammenhalt als Stütze in extremen Zeiten
Drei Jahre später hat die Welt den Gazastreifen in unzähligen Bildern gesehen: zerstörte Viertel, zerrissene Zelte, überfüllte Straßen und von Erschöpfung gezeichnete Gesichter. Diese Bilder sind wahr. Aber wenn Zerstörung zur einzigen Art wird, wie ein Ort gesehen wird, verschwindet etwas anderes aus dem Blick: die Menschen, die dort weiterleben.
Es gibt ein Gaza, das es selten auf Fotografien schafft. Es ist das Kind, das aus einem Zelt tritt, in sauberer, sorgfältig ausgewählter Kleidung, mit gekämmtem Haar und gewaschenem Gesicht. Eine Mutter mag fast nichts mehr haben, aber sie versucht dennoch, ein wenig Schönheit für ihr Kind zu bewahren, ein kleines Stück Kindheit in einer Welt, die ihm so viel davon genommen hat. Es ist ein Vater, der versucht, seinen Kindern gute Manieren beizubringen, während er sich Sorgen macht, wo ihre nächste Mahlzeit herkommen wird. Es ist ein junger Mensch, der weiterlernt, eine Familie, die darauf besteht, sich trotz der beengten Verhältnisse zu treffen, und Verwandte, die sich gegenseitig anrufen, um sicherzugehen, dass alle noch am Leben sind.
Es ist die Nachbarin oder der Nachbar, die oder der von dem Wenigen, das sie oder er hat, etwas zum Essen anbietet. Der Mensch, der dich mit Höflichkeit begrüßt, obwohl Erschöpfung Stille verständlich machen würde. Diese Gesten sind der Beweis dafür, dass Leiden nicht das Einzige geworden ist, was wir sind.
Wir halten an unserem Glauben fest, an unseren familiären Bindungen, an unseren Traditionen der Gastfreundschaft und an den Werten, die wir unseren Kindern weitergeben wollen. Wir versuchen, Freundlichkeit zu lehren in einer Welt, die ihnen Grausamkeit viel zu früh gezeigt hat. Wir versuchen, Würde zu bewahren, wenn die Bedingungen unseres Lebens so zu sein scheinen, als wären sie dafür gemacht, sie uns zu nehmen. Manchmal ist alles, was wir einander bieten können, eine Tasse Tee, ein Platz zum Sitzen, einige tröstende Worte oder die einfache Höflichkeit, einander als Menschen zu behandeln.
Vielleicht ist das das, was ich am meisten will, dass die Welt sieht: nicht ein idealisiertes Gaza, in dem Menschen nie zusammenbrechen, nie klagen und nie die Hoffnung verlieren, sondern ein reales Gaza, in dem erschöpfte Menschen weiterhin füreinander Platz machen.
An was werden sich die Menschen in Gaza später erinnern?
Manchmal frage ich mich, an was sich meine Kinder aus diesen Jahren erinnern werden. Ich hoffe, sie werden sich an mehr als nur Angst erinnern. Ich hoffe, sie werden sich an die Menschen erinnern, die sie festgehalten haben, an die Momente, in denen sie gelacht haben, und an die kleinen Liebesbeweise, die das Leben möglich erscheinen ließen.
Ich frage mich auch, was ich mich an mich selbst erinnern werde. Die Frau, die ich vor diesem Krieg war, kommt mir sowohl vertraut als auch unerreichbar fern vor. Ich habe Dinge verloren, die ich nicht benennen kann, und es gibt Teile von mir, die ich vielleicht nie wiederfinde. Wir trauern um das Leben, das wir uns vorgestellt hatten, und um die Menschen, die wir hätten werden können. Vielleicht ist das das, was von uns übrigbleibt: keine unzerbrechliche Stärke, sondern eine beständige, alltägliche Menschlichkeit.“
Nour Z. Jarada – Gaza, Palästina
Frühere Berichte unserer Kollegin Nour Z. Jarada finden Sie hier: Tagebuch aus dem Gazastreifen • Ärzte der Welt



