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Ein kleines Mädchen beobachtet einen Gesundheitsmitarbeiter im Jemen. Foto: Reuters

Ein Krieg auf Kosten des jemenitischen Volkes

Ein Krieg auf Kosten des jemenitischen Volkes

Während sich die Kriegsparteien im Jemen mit dem Status Quo arrangiert haben, drohen immer mehr Zivilisten Armut, Krankheit und Hungertod. Darüber hat der Journalist Kai Schnier mit unserer Jemen-Koordinatorin Wafa'a Alsaidy, Das Interview ist zuerst auf Qantara.de erschienen.

Wafa'a Alsaidy berichtet im Interview. Foto: Ärzte der Welt
Wafa'a Alsaidy berichtet im Interview. Foto: Ärzte der Welt

 

Frau Alsaidy, seit 2015 tobt im Jemen ein ausgewachsener Bürgerkrieg. Im Norden des Landes hält die Huthi-Bewegung die Hauptstadt Sanaa, im Süden wird Präsident Hadi derweil von einer Koalition unter der Führung Saudi-Arabiens unterstützt. Laut aktueller Schätzungen laufen acht Millionen Menschen Gefahr zu verhungern, es gibt zwei Millionen Binnenflüchtlinge. Obwohl der Konflikt damit zu einer der größten humanitären Katastrophen unserer Zeit zählt, ist er in der Berichterstattung internationaler Medien jedoch fast nicht vertreten. Warum?

Wafa'a Alsaidy: Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe. Der erste ist, dass die Jemeniten ihre Notlage nicht richtig nach außen kommunizieren können und keine Repräsentanten in Europa oder anderswo haben. Während etwa im Fall von Syrien eine wachsende Exil- und Flüchtlingsgemeinde im Westen existiert, die in der Lage ist, sich auszudrücken – nicht zuletzt weil es in Syrien schon vor dem Bürgerkrieg ein funktionierendes Bildungssystem gab – stehen die Zeichen im Jemen ganz anders. Das Land war schon vor dem Ausbruch der Gewalt von der Außenwelt abgeschottet, das Bildungssystem reformbedürftig.

Das zweite Problem sind die fehlenden Zugangsmöglichkeiten. Alle Botschaften im Jemen sind geschlossen. Journalisten aus dem Ausland können das Land nur an Bord von Flügen der Vereinten Nationen erreichen. Und selbst dann wird ihr Einreiseprozess von den Behörden beider Konfliktparteien oft noch verzögert.

Da die Einreise immer schwieriger wird, sind NGOs und Hilfsorganisationen wie Ärzte der Welt, deren Jemen-Mission Sie leiten, die letzten internationalen Akteure vor Ort. Sie leben und arbeiten in dem von den Huthi-Milizen kontrollierten Sanaa. Wie ist die Lage dort zurzeit?

Alsaidy: Das Leben in der Stadt wird für die Leute hier immer prekärer und unvorhersehbarer. Zu Beginn des Konflikts bombardierte die Koalition unter Führung Saudi-Arabiens, die Präsident Hadi unterstützt, vor allem Huthi-Militärcamps. Und auch das nur zu bestimmten Zeiten. Mittlerweile sind die Angriffe unregelmäßiger geworden. 2016 starben 150 Menschen, als die Koalition eine Beerdigung bombardierte. Und vor kurzem wurde eine Tankstelle mitten in einem Wohnviertel angegriffen – eine Bombe schlug so knapp neben meinem Haus ein, dass alle Fenster barsten. Es scheint so, als ob vermeintliche Kollateralschäden die Konfliktparteien mit zunehmender Dauer des Konfliktes immer weniger interessieren. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche Situation immer kritischer.

Wie wirkt sich das auf das tägliche Leben der Menschen im Jemen und speziell der Bevölkerung in Sanaa aus? 

Alsaidy: Es ist mittlerweile so, dass viele Zivilisten auf beiden Seiten des Konflikts am Existenzminimum leben. Seit dem Beginn des Krieges sind die Lebensmittel- und Benzinpreise in die Höhe geschossen. Die Arbeitsmarktsituation hat sich derweil natürlich stark verschlechtert.

Während des Ramadan, der erst vor kurzem endete, sind die Verkaufsläden in Sanaa normalerweise zum Bersten voll und die Straßen verstopft. In diesem Jahr gab es aber weder Schlangen an den Kassen noch Staus in der Innenstadt. Die Menschen haben schlicht kein Geld mehr. Auch in anderen Belangen wird die Lage immer schlechter.

Wenn man morgens um zehn Uhr auf die Straße geht, sieht man Kinder in Schuluniformen umherwandern. Sie haben nichts zu tun, weil viele Lehrer wegen fehlender Bezahlung entweder streiken oder nur unregelmäßig zum Unterricht kommen. Die institutionelle und wirtschaftliche Infrastruktur des Landes droht komplett zusammenzubrechen.

Das gilt wohl vor allem für den Gesundheitssektor. Laut aktuellen Schätzungen haben rund 16 Millionen Jemeniten keinen Zugang zu ausreichender Gesundheitsversorgung. Was kann eine Organisation wie "Ärzte der Welt" tun, um zu helfen?

Alsaidy: Wir sind vor allem damit beschäftigt, den vollständigen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern. Derzeit sind nur rund 50 Prozent der benötigten Einrichtungen in Betrieb. Es gibt weder Geld für die Belegschaften in Krankenhäusern noch für die nötigen Instrumente und Medikamente. Deshalb unterstützen wir verschiedene Gesundheitszentren und Krankenhäuser im Land. Über unseren Hauptsitz in Paris und unsere Basis in Djibouti importieren wir Medikamente. Vor Ort bieten wir Beratungen an und stellen unsere Experten zur Verfügung. Unser Hauptaugenmerk liegt darauf, der Landbevölkerung den Zugang zu medizinischen Versorgungseinrichtungen zu erleichtern. Ein Beispiel: In den vergangenen Jahren mussten schwangere Frauen aus den ländlichen Gebieten um Sanaa rund fünf Stunden reisen, um professionelle Hilfe zu bekommen. Viele junge Frauen und Kinder starben deshalb. Vor kurzem haben wir es nun endlich geschafft, ein Krankenhaus außerhalb der Stadt mit der nötigen Technik auszustatten, um Kaiserschnitte durchzuführen. Das ist natürlich nur ein kleiner Schritt, aber kleine Schritte sind besser als gar keine.

Inwiefern wird Ihre Arbeit durch den anhaltenden Konflikt erschwert?

Alsaidy: Nicht nur die Kampfhandlungen, sondern auch andere äußere Umstände behindern uns. Eines der größten Probleme ist die Blockade jemenitischer Häfen durch die Koalitionskräfte. Offiziell ist die Blockade längst aufgehoben. Tatsächlich werden die wichtigsten Hafenstädte – wie etwa Al-Hudaida im Westen des Landes – jedoch weiterhin vom Meer aus kontrolliert. Wir müssen Medikamente aus Frankreich in den Jemen exportieren, weil wir die Qualität der Medikamente vor Ort nicht garantieren können. Doch weil die Versorgungsrouten abgeschnitten sind und selbst Flugzeuge der Vereinten Nationen oft wochenlang inspiziert werden, sind die Medikamente mitunter viel zu lange unterwegs und werden noch dazu extremen äußeren Umständen ausgesetzt.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit sich die Situation verbessert?

Alsaidy: Nur Druck von außen kann helfen. Der Konflikt im Jemen ist viel zu komplex, als dass er intern gelöst werden könnte. Es gibt die Huthis im Norden, die Koalition unter der Führung Saudi-Arabiens im Süden, eine ganze Reihe von sezessionistischen Gruppierungen, den Iran, die USA und die Vereinigten Arabischen Emirate, die allesamt im Hintergrund agieren ...

... und noch dazu Al-Qaida und den IS, die sich in einigen Regionen des Landes ausbreiten.

Alsaidy: Das kommt noch dazu. Auf eine interne Lösung zu vertrauen, wäre daher also naiv. Vielmehr scheinen sich die Entscheidungsträger im Jemen mit dem Status Quo arrangiert zu haben. Es sind Menschen an der Macht, die ihre momentanen Positionen auf demokratischem Wege niemals erreicht hätten. Gleichzeitig geben sich Konfliktparteien wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate damit zufrieden, Regionen einzunehmen, die über Öl- und Gasreserven verfügen. Sie nehmen vorlieb damit, die Küsten und Häfen zu kontrollieren, stoßen aber nie ins Inland vor. Es gibt also gar kein wirkliches Interesse, den Konflikt zu beenden. Der Jemen ist der Hinterhof, in dem internationale und regionale Mächte ihre Muskeln spielen lassen können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Das Gespräch führte Kai Schnier.

© Qantara.de 2018

 

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