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Ärztin und Patient im MedMobil Stuttgart

Zehn Jahre Hilfe auf der Straße

Zehn Jahre Hilfe auf der Straße

Eine rollende Praxis für Menschen, die nicht zum Arzt gehen können – seit zehn Jahren ist das MedMobil schon in Stuttgart unterwegs. Ein Projektbesuch zum runden Jubiläum.

„Ich geh ja nicht zum Arzt.“ So lapidar formuliert es ein Patient der Stuttgarter Ambulanten Hilfe, die gemeinsam mit Ärzte der Welt das Projekt MedMobil betreibt. Das Problem hinter seiner Aussage  - und die Geschichten der Klient*innen – sind jedoch kompliziert. Es gibt zahlreiche Gründe, die Menschen daran hindern, eine Arztpraxis aufzusuchen. Vor allem Wohnungslose und Drogennutzer*innen schämen sich häufig, werden diskriminiert oder sind zum Beispiel mit Sprachbarrieren konfrontiert. Andere haben keine Krankenversicherung und können sich die Behandlungskosten nicht leisten.

MedMobil fährt an Plätze in Stuttgart, wo sich viele Wohnungslose und Menschen in schwierigen Lebenssituationen treffen und bietet medizinische Hilfe vor Ort. 683 Patient*innen konnten die ehrenamtlichen Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen sowie die hauptamtlichen Sozialarbeiter*innen so im vergangenen Jahr erreichen.

Einer von Ihnen ist ein 36-jähriger Patient, der Fusko genannt werden möchte. „Vor ein paar Jahren habe ich Mist gebaut und mir den Fuß und den Knöchel verletzt. Als ich zu MedMobil gegangen bin, haben die sich das angeschaut und gesagt, ich müsse sofort ins Krankenhaus. Zwei, drei Tage später wäre das Bein weggewesen“, erzählt Fusko auf der MedMobil-Jubiläumsfeier.

MedMobil-Patient Fusko auf der Jubiläumsfeier
MedMobil-Patient Fusko auf der Jubiläumsfeier
Viele EU-Bürgerinnen müssen im Freien schlafen

Doch das Team stößt regelmäßig an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Vor allem bei den Patient*innen, denen es bei den Einsätzen im Schloßgarten begegnet. In dem Park müssen viele Angehörige der Roma-Minderheit übernachten, die wie andere Unionsbürger*innen keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben und in Stuttgart nicht in die Notunterkünfte dürfen. Bei ihnen kann man oft zwar die Symptome behandeln, die schlimmen Lebensumstände, aus denen viele der Erkrankungen resultieren, bleiben jedoch bestehen.

Bei einer Sprechstunde Anfang Juli trägt eine Frau ein kleines Baby auf dem Arm, eine andere hat gerade entbunden. Ihr Kind war eine Frühgeburt und ist noch im Krankenhaus. Die Mutter hat das Krankenhaus verlassen, weil sie sich noch um andere Kinder kümmern und mit Flaschen sammeln Geld verdienen muss. Jeden Tag geht sie ihr Baby besuchen.  

Die psychischen Folgen des Lebens auf der Straße

„Viele Patienten und Patientinnen leiden unter Schmerzen an Rücken und Schultern vom Liegen auf dem harten Boden,“ sagt Arzt Friedrich Geiger. Aber auch die psychischen Auswirkungen des Lebens auf der Straße werden deutlich. „Ich habe früher 55 kg gewogen, jetzt wiege ich 40. Seitdem ich vor eineinhalb Monaten hierhergekommen bin, kann ich kaum etwas essen“, berichtet eine Patientin mit Hilfe der Assistenzärztin Sandra Cseledes, die aus dem Ungarischen übersetzt. Auch die Tochter der Patientin, ein sechsjähriges, aufgewecktes  Mädchen mit leuchtenden blauen Augen ist sehr klein und dünn. „Vielleicht hat die Frau etwas im Kopf, macht sich Gedanken“, sagt Geiger. Er kann nicht viel mehr tun, als eine kalorienreiche Ernährung zu empfehlen.

Und auch wenn sich die Mitglieder des MedMobil immer Zeit für ein Gespräch nehmen, gegen Einsamkeit gibt es keine Medizin. Und sie macht krank. Das findet zumindest ein Patient, der mit Schmerzen in der Brust zur Sprechstunde gekommen ist: „Allein sein, das ist das Problem.“

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